Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-06-01 · Heft 6 (1.6.1906) · p. Seite 138

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 6 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 138 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2970002-2970008--7984-2978682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

138 Monden und Wochen der Vorbereitung, die dem heutigen Tage vorangegangen sind, habt Ihr, mit mir das Dasein Gottes innerlich erfahren. Wenn wir von den Wundern des Weltalls sprachen, wenn wir der Menschheit ewigen Rätseln gegenüberstanden, wenn die Erscheinungen unseres Innenlebens, Geist und Gemüt, wie ungelöste Fragen auf Antwort drängten, dann klangs wie beseligende Gewißheit aus der Tiefe unseres Herzens: Höre Israel, der Herr, unser Gott, der Ewige ist einzig! Und freudig bekannten wir aufs neue: Ein göttliches Wesen waltet, in dem alle Widerspruche^ ausgeglichen werden. Wir fühlten die Einheit dessen, in dein wir alle leben; wir m u ß t e n an ihn glauben. Und diesen Gottesglauben, zu dem Ihr Euch heute bekennt, den sollt Ihr Euch „ bewahren. Ich weiß: der Jugend ungebrochene Kraft will die Welt bezwingen und den Himmel sturmen; mit kühnem Wagemnte sucht sie den Urgrund alles Seins zu erforschen und der Gottheit innerstes Wesen zu zergliedern. Im stolzen Selbstgefühle seiner überschäumenden Kraft spricht der jugendliche Geist das vermessene Wort: Laßt mich den Gott erkennen, den ich glauben soll! Was ich nicht begreife, das glaube ich nicht! So wähnt der Endliche den Unendlichen meistern zu können, und der Sterbliche von heute, den morgen vielleicht schon die Erde deckt, will das Wesen dessen umspannen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit dauert. Aber je älter der Mensch wird, desto bescheidener wird er, desto mehr ringt er sich zu der Erkenntnis durch, daß unserer Einsicht eine Grenze gezogen ist, über die wir nie hinauskommen. Wir können auf Erden Großes schaffen"; aber die Unendlichkeit können wir nicht bezwingen Drum beugt sich der gereifte Mensch vor dem, was er nie begreift; mit gläubiger Seele betet er an, was seinem Verstände auf ewig verschloßen bleibt: er glaubt an Gott. So sostt auch Ihr es halten. Bleibt Eurem Bekenntnis treu und glaubt an Gott. Wie Ihr Euch auch entwickeln wöget, gedenkt der Feier dieser Stunde und vermehrt nie die Zahl der oberflächlichen Naturen, die an Gott nicht glauben, weil sie Gott nicht erkennen. Je tiefer der Mensch angelegt ist, desto gewaltiger ergreift ihn die Ehrfurcht vor dem Unfaßbaren, in dem alle Rätsel des Universums ihre Lösung finden. Drum glaubt an G6tt! Aber, meine lieben Konfirmandinnen, indem ich Euch das ans Herz lege, will ich Euch nicht schon jetzt auf einen Glauben verpflichten, der den Gottesbegriff in die Fesseln des Dogmas schnüedet und die Bewegungsfreiheit Eures Geistes unmöglich macht. Ich verlange nicht von Euch, daß Ihr schon heute gelobet: Wir wollen in unfern Gottesglauben auch alle die Boxstellungen und Begriffe einschließen, die, in der naiven Gläubigkeit unserer Ahnen wurzelnd, aus der Borzeit überliefert und durch ihr Alter geheiligt sind! Eure Ueberzeugug darf nicht der Sklave der Vergangenheit sein. Wie Ihr den Einzelheiten des traditionellen Glaubens einmal gegenüberstehen werdet — Ihr könnt es heute noch nicht wissen; darüber entscheidet erst die Entwicklung Eures Innenlebens. Und ich sollte dennoch schon jetzt von Euch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.