Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 140 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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140müßt den Tugendkeim in Eurer Seele sorgsam pflegen, damit das Göttliche in Euch zur vollen Entwicklung kommt. Seht Ihr die Rosenknospe, die keusch und scheu ihren Kelch vor den Augen der Welt verschlossen hält? Wenn sie innerlich reif geworden ist, dann legt sie die Scheu ab, und weit öffnet sich die Blume, und ihre volle Schönheit strahlt denr Menschenauge entgegen, und ihr köstlicher Duft nimmt das Menschenherz gefangen. Was verborgen war, hat sich zur glutvollen Reife entfaltet. So soll's auch bei Euch sein: das Göttliche in Euch schlummernd, bis Ihr durch eigene Kraft den Augen der Welt es erschließt! Eure Taten nichts anderes als Eure nach außen sichtbar gewordene gottentstammte Natur! Das aber könnt Ihr nicht in einem Tage, nicht in einem Jahre erreichen; das ist die Arbeit eines ganzen-Lebens. Denn wie der Rosenknospe Gefahren drohen, die die zarte Pflanze vernichten können — der Frosthauch von außen und der nagende Wurm im Innern —, so ist auch der Tugendkeim in Eurer Seele von Feinden umringt, die seinen Bestand gefährden. Es lebt in uns allen die Neigung zum Bösen; es droht uns allen die Verführung der Welt. Was soll ich Euch darüber sagen? Das Leben lehrt's Euch früh genug. Nur warnen will ich Euch und Hinweisen auf die innere Kraft, die Euch als Sieger zum Ziele führt. Zwei Worte gibt's; sie schließen die ganze sittliche Welt in'sich ein: Du sollst! Diese Worte leben in eurem Herzen, diese Worte klingen durch Eure Seele: Du sollst! Sie sind in Euerem Innersten lebendig, seitdem Ihr zu denken vermögt: Du sollst! Wer sie in Euch hineingelegt? Wer sie in Euch ertönen läßt? Die Gottheit spricht aus ihnen: Du sollst! Das ist das große Gebot der Pflicht, das alle Zweifel ausschaltet und alle Schwierigkeiten überwindet: Du sollst! O hört auf diese innere Stimme, wenn Ihr im Kampfe des Lebens steht! Sie trügt und täuscht Euch nie, denn sie schöpft ihre Kraft aus der Gottesel enbildlichkeit des Menschen. Sie arbeitet nicht mit Gründen, sie überredet nicht durch Worte: sie sagt nicht „denn" und nicht „weil", sie zwingt durch sich selbst: Du sollst! Ihr Ziel ist Alleinherrschaft der Pflicht; und wo unsere Neigung der Pflicht widerstreitet, da feiert sie den höchsten Triumph: sie unterwirft die Neigung dem Gebote der Pflicht: Du so llst! Köstlicheres kann ich Euch, meine lieben Konfirmandinnen, in dieser Stunde nicht geben als dieses Wort, das schon in Euch lebt: Du sollst! Höret auf seine Stimme, damit Ihr gute Menschen werdet! Aber Ihr könnt Nur darauf hören, wenn Ihr das Wort in Euch nicht erstickt. Drum bleibt vor allem wahr gegen Euch selbst! Erhaltet Euch die unbeugsame Wahrhaftigkeit, die den Schein haßt und die Lüge bekämpft, die Wahrhaftigkeit, die klar sehen will und sich nicht selbst verblendet! Unsere Alten erzählen in ihrer sinnigen Art: Als Gott den Menschen schaffen wollte, da stritten die Engel untereinander. Die Liebe sprach: er werde geschaffen, denn er wird Liebe üben: die Wahrheit flehte: er werde nicht geschaffen, denn er wird Lug und Trug ersinnen; die Barmherzigkeit bat: er werde geschaffen, denn er wird Gutes im Leben tun; der Frieden sprach: er werde