Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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137 Euch bis dahin fremd gewesen! O nein! Was Ihr in dieser Stunde aussprecht, das lebt schon lange in Eurer Seele; im Laufe der Jahre habt Jhr's allmählich in Euch ausgenommen. Die Erziehung im Elternhause, die Belehrung in der Schule und die mannigfachen Eindrücke, die Natur und Menscheuwelt Eurem jugendlichen Geiste geboten haben, all das hat zusammengewirkt, um die sittlich-religiösen Ideen in Euch zu reifen, die die Feier dieser Stunde uns offenbart. Ihr gebt uns heute, was Ihr unter unserer Leitung selbst geschaffen habt: das Bekenntnis Eurer sittlich-religiösen Weltanschauung. Fteilich, abgeschlossen ist diese Weltanschauung noch nicht, kann sie noch nicht sein, denjn Ihr steht ja erst an der Eingangsschwelle des Lebens. Jeder Tag bringt Euch neue Erkenntnis; jedes Ereignis bereichert Eure Erfahrung, und all das wollt Ihr doch nutzbar machen, um Euren inneren Menschen zu bilden. Ihr fangt erst an^ Euch zu entwickeln. Wie könnte Eure Entwicklung schon vollendet sein! Kein Mensch auf Erden ist innerlich fertig. Wie könntet Ihr Euch dessen rühmen! Aber — und darin liegt die hohe Bedeutung dieser Stunde — Ihr wollt Euch durch das Gelöbnis, das Ihr ablegt, vor Gott und Menschen zu den religiös-sittlichen Grundanschaungen bekennen, die das Judentum, die das reine Menschentum lehrt, und die unwandelbar durch alle Geschlechter dieselben bleiben. Wie Euer sittliches Leben im einzelnen sich gestalten wird — ich weiß es nicht, Ihr wißt es nicht. Die Zeit gibt Eurem Leben erst seinen Inhalt. Aber das Fundament, auf dem Eure sittliche Weltanschauung ruhen soll, muß heute vollendet sein; die Grundsätze, nach denen Ihr Euren inneren Menschen entwickeln wollt, müssen in Euch feststehen. Euer sittliches Streben muß dem Schaffen des Künstlers gleichen, der an dem großen Werke seines Lebens arbeitet. Der Plan des Ganzen ist in seinem Geiste fertig, bevor er beginnt. Doch wie er im einzelnen dem Plane gerecht wird, das offenbart ihm erst die Arbeit selbst. Der Künstler lernt im Schaffen. Je mehr er bei seinem Werke nach Vollendung strebt, desto mehr ist er ein Werdender. So sollt auch Ihr Werdende sein, wenn Ihr das Kunstwerk Eures Lebens schafft. Die Form habt Ihr in den Gedanken, zu denen Ihr Euch heute bekennt. Legt in die Form allmählich nur den rechten Inhalt hinein! In diesem Sinne sollt Ihr auch das Wort verstehen, das ich als Text unserer Predigt voranstelle und als Geleitwort Euch mitgebe für die Predigt Eures Lebens: „Nach Vollendung sollst du ringen vor dem Herrn, deinem Gotte!" (5. B. M. 18,13.) So mögt Jhr's halten in Eurem Glauben, in Eurem Wirken! Das sei die Summe Eurer Lebensarbeit: Nach Vollendung soll st du ringen vor dem Herr ndeinemGotte! Der Glauben an die Gottheit lebt in Euch, seitdem Ihr zu denken vermögt. Ihr fühlt und ahnt überall Eures Gottes Nähe. Besonders aber in den j