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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-06-01 · Heft 6 (1.6.1906) · p. Seite 135

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 6 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 135 (sequence 17)
Language
German
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135 gegessen/^ und die Zähne der Kinder werden stumpf,"') sondern ein jeder, stirbt für seine Schuld. Hiier ist der Mensch auf sich gestellt und die Bedeutung der einzelnen Menschen? seele in jhrem unendlichen Werte erfaßt. Bon da ist es nur ein Schritt zur Berufsauffassung des Propheten als des Seelsorgers der Einzelnen. Ezechiel hat diesen Gedanken ausgesprochen und mit der ihm eignen zähen Folgerichtigkeit durchgeführt. Sein Seelsorgerinteresse brachte es mit sich, daß er nur die individualistische Bergeltungsliehre aufnahm und diese den Juden der babylonischen Diaspora predigte. Man merkt es! der eigenartigen Rede^), in der dies geschieht, deutlich an, wie er bemüht ist, seinen Hörern, die noch ganz in der alten kollektivistischen Auffassung befangen waren, die neue,! ihnen noch fremdartige Anschauung allseitig zu beleuchten. Es ist rührend, zu sehen! wie er mit kasuistischer Gründlichkeit den neuen Gedanken hin und her wägt und wendet und nach allen Seiten und Richtungen darzutun sich bemüht, wie jeder seinem Gotte verantwortlich ist. Dje Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Ijlus dunkler Leidensnacht strahlt helle Wahrheit auf. Das Lied ist aus dem Leid entsprossen, sagt ein indisches Wortspiel, die sl\>ka aus soka. Das schwere nationale Unglück,!das Juda traf, hatte zu einer außerordentlichen Vertiefung der ganzen religiösen Gedankenwelt geführt. Es war der Prophetismus, das „Wunderkind der Weltgeschichte", bei dem die Religion in den Zeiten furchtbarer Katastrophen des Vaterlandes zu einem persönlichen Liebesverhältnis des Menschen zu seinem Gotte wird. Auf der Höhe dieses religiösen Bewußtseins beginnt sich das Dunkel der Theorie zu lichten. . .?) Uder Mensch Gott verantwortlich, lehrte Jeremias, predigte Ezechiel. Danach konnte nur noch Eines kommen, was größer ist, und dieses größere hatte Jeremias bereits in köstlichster Deutlichkeit ausgesprochen: Wer Gott liebt, trägt das Glück in sich. Auf diesem Standpunkt gibt es keine Theodicee als Problem mehr, sie ift da nicht nötig. Das Rätsel fällt weg. Ich meine die einzigschöne Stelle*): „Siehe Tage kommen, ist des Ewigen Spruch, da sagt man nicht mehr, die Väter haben saure Trauben gegessen und der Kinder Zähne werden stumpf, sondern jeder stirbt in seiner Schuld. Da schließe ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Judas einen neuen Bynd, .... ich gebe meine Lehre in ihr Inneres und schreibe sie auf ihres Herzens Tafeln, ich, ihr Gott, sie — mein Volk!" Jeremias ist der Erste, der den Glauben an eine fortschreitende religiöse Erkenntnis hier in allerwünschenswerter Klarheit ausspricht. Er hofft auf die Zeit, wo die Religion nichts äußerliches mehr ist, sondern als der tiefste Inhalt des Menschenherzens empfunden wird. Da ist die Theodicee schlechterdings gelöst. Gut sein heißt leben in'Gott. Sündigen ist sterben. Wer Gott hat, ist glücklich, wie auch sein äußeres Geschick sich gestaltet. Wer ohne Gott ist, ist elend auch im Glück. Man kann ') Jer. 31, 29. 2) Ez. 18. 3) vgl. Batke, Religionsphilosophie S 502. *) Jer. 31,28— 33.

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