Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 134 — Wohl kannte man eine Ausflucht aus dieser Verlegenheit. Man suchte sich zu überzeugen, daß das Glück der Frevler nur von kurzer Dauer sei, ein zeitweiliger Heilszustand, dem jäher Untergang und verdientes Verderben folgen. So singen in den Psalmen fromme Gottsucher: „Wie Gras modern die Frevler, wie Kraut welken sie dahin/) wie Rauch gehen sie zu Grunde." Der Dichter dieses Wortes faßt am Schlüsse seines Liedes den Ertrag seiner Lebenserfahrung also zusammen: „Ich sah den Frevler voll Hochmut und in stolzer Pracht gleich einem grünen Baum, da fuhr er dahin und war nicht mehr, ich suchte ihn und fand nicht seine Stelle."') Auch der 92. Psalm spiegelt diese Auffassung wieder : „Wenn blühen Frevler, wenn sprießen alle Übeltäter, so ist's, sie zu vertilgen für die Ewigkeit."^ Wir merken, daß-wir nur diese Lösung ins Jenseitige zu projicieren brauchen, und wir gewinnen die Unsterblichkeitshoffnung. Doch von dieser soll in Rücksicht auf eine bessere Ökonomie der Stoffverteilung erst an andrer Stelle dieser Arbeit die Rede sein. Der Kleinglaube und Zweifel hatte Fragen auf Fragen. Fromme verkamen im Elend. Frevler starben lebenssatt, nachdem sie ein ungetrübtes Glück vollauf genossen hatten. Der fromme Josias, der nach dem aufgefundenen Gesetzbuch in Liebe zum Ewigen den Kult von Heidengreueln gereinigt hatte, ward in der Blüte der Jahre durch einen feindlichen Pfeil dahingerafft, Manasse, der götzendienerische Prophetenmörder, war hochbetagt in Frieden vonhinnen geschieden. Wie das? Wo bleibt die vielgerühmte Gerechtigkeit des Herrn? Der Volksglaube kannte wohl einen Ausweg. Er faßte das Wirken der göttlichen Gerechtigkeit kollektivistisch. Die Kinder büßen, was die Väter gesündigt haben, das jetzige Geschlecht zahlt die schuld der Früheren. Man berief sich auf das alte Wort^) von dem Gotte, der ahndet die Schuld der Väter an den Kindern; zweifellos ein Satz von unleugbarer Wahrheit. Des Einzelnen Geschick hängt durch tausend Fäden zusammen mit den Leistungen und Zuständen seiner Vorfahren, und die Folgen des Bösen vergiften ganze Geschlechter. Doch die letzte Entscheidung über des Menschen Heil ruht nicht in jenem naturgesetzlichen Zusammenhang des Einzelnen mit der. Gesamtheit, sondern in dem sittlichen Gesetze, daß jedes ethische Wesen im Stande ist, über jenes Naturgesetz hinaus, sich persönlich eine eigne Stellung zu wählen. Wie das Deuteronomium') verbietet, daß Kinder um der Eltern willen getötet werden, so stellt die Prophetie über das Naturgesetz von der Zusammengehörigkeit mit dem Geschlechte die Kraft der sittlichen Selbstentscheidung. Jeremias setzt an die Seite der kollektivistischen Vergeltungstheorie die persönliche Selbstverantwortung. Er entdeckt hier den Begriff der religiösen Persönlichkeit, die mit ihrem Tun nur Gott Rechenschaft schuldet. Man soll nicht mehr sagen: „Die Väter haben saure Trauben >) V- 32, 2. 2) V' 32/5. 3) 92, 8. 4) Ex. 20, 5. 5) Deut. 24. 16.