Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 132 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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132 des göttlichen Willens war die ihnen gesetzte Aufgabe: „Siehst du das Höchste, das Größte, die Pflanze kann es dich lehren — auch der Baum, der ihnen zum Anstoß ward — was sie willenlos ist, sei du es wollend, das ist's." In diesem Sinne hätte ihnen der Baum ein Baum der Erkenntnis werden sollen. Doch sie wollten es anders. „Da sieht das Weib, nimmt und ißt und gibt auch ihrem Manne."') Der Zweifel, einmal angefacht, wirkte mit verheerender Gewalt. Geibel hat es einmal so treffend geschildert: „Der Zweifel ist ein Falk mit scharfen Klauen. Des Glaubens weiße Taube sieht er kaum So beizt er nieder durch den luft'gen Raum, Die Krallen in ihr zitternd Fleisch zu hauen. . . . Mit jeder Feder fällt ein Gottestraum Und langsam blutet hin das Gottvertrauen." Die sündige Gier ist geweckt, die Phantasie beschäftigt sich mit der geplanten Übertretung, „eine Lust ist der Baum für die Augen und lieblich zu betrachten""), immer neue Vorstellungen und Motive regen sich, bis der Wille sich entscheidet für— das Böse. So steht sie vor unseren Augen in voller Plastik und mit treuer Genauigkeit, die verhängnisreiche Entwicklungsgeschichte des Bösen, klar und scharf gezeichnet bis auf die feinen kleinen Nebenzüge, daß — um nur einen Moment hervorzuheben das Weib auch dem Manne gibt von der verbotenen Frucht, weil die Sünde nach Genossen sucht. Wie Gott wollten sie werden und wissen das Gute und Böse. Sie wollten ihren Geist von den Schranken der Unwissenheit befreien. Nun wohl: Befreie deinen Geist, das ist dein höchster Hort. Doch wenn du ihn befreist, denk an des Meisters Wort. Dies Wort: Verderblich ist, was deinen Geist befreit Und nicht zu gleicher Frist, Selbstherrschaft dir verleiht. Freiheit hatten sie gesucht, Knechtschaft haben sie gefunden, aus dem Dieckste Gottes sind sie in die Frohn der Sünde getreten. „Ein andres Antlitz, ehe sie geschehen, ein andres zeiget die vollbrachte Tat." Erst gaukelt die sündige Lust dem Menschen ein zauberhaftes Glück vor, malet ihm herrliche Freuden aus. Und dann, wenn das Unrecht geschehen? „Jetzt gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren."3) Nun regt sich die Scham, nun spricht das Gewissen, das durch die Leidenschaft betäubt war, mit unbestechlicher Richterstimme. Jetzt sehen sie sich in ihrer ganzen Nacktheit und Erbärmlichkeit. So haben sie die Probe der Selbstüberwindung schlecht bestanden, die Prüfung, die an alle Adamskinder herantritt. Diese Selbstbezwingung als ewige Menschenpflicht verherrlicht der Dichter, dem wir neben dem grandiosen Genesiskapitel die gewaltigste Menschheitstragödie verdanken: l) Gen. 3, 6. 2) Gen) 3, 6. 3) Gen. 3, 7.