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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-06-01 · Heft 6 (1.6.1906) · p. Seite 130

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 6 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 130 (sequence 12)
Language
German
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130 bekennt einmal: „Gott ist niemals ungerecht, sondern der allergerechteste (Dikaiotatos) und keiner ist ihm ähnlich, als wer so gerecht als möglich ist." Wir lesen bei den Tragikern auch wohl an einigen Stellen die Mahnung, daß der Mensch ergebungsvoll das von der Gottheit verhängte Leid tragen solle. Sophokles predigt sogar eine Vergeltung auch nach dem Tode, und Euripides spricht das tiefe, ganz ungriechische Worte: „Wer weiß, ob nicht der Tod in Wahrheit Leben heißt!" Doch das sind alles vereinzelte Sterne an einem dunklen Nachthimmel. Solche lichte Erkenntnis erleuchtete nicht die Volksseele, drang nicht ins Volksgemüt. Die Masse hielt an dem Glauben fest — auch die Gebildeten rissen sich davon nur in seltenen Fällen los —, daß die Gottheit gewissermaßen launenhaft verfahre und nach Willkür Gutes und Böses verteile. Ihr genügte die Überzeugung des homerischen Sanges: „Gott giebt und versagt, wies ihm gelüstet, er kann ja alles." Man wähnte sogar, daß die Gottheit oft aus Freude am Sturze eines Mächtigen über ihn Unglück Hereinbrechen lasse, mag nun das Verderben sittlich verdient sein oder nicht. _Es ist, als ob man der Gottheit zutraue, aus Böswilligkeit Glück und Pracht der Erdenkinder mit jäher Vernichtung zu zertrümmern. Man fürchtete den Neid der Götter, die dem Glücklichen seine ungetrübte Freude mißgönnen und ihm die eigne Ohnmacht und der Himmlischen sieghafte Kraft offenbaren?) Die Götter der Griechen sind und bleiben auch in der schönheitsseligen Verklärung nur vergötterte Naturmächte, sie werden nicht zu sittlich heiligen Wesen, die mit dem Gotte Israels zu vergleichen wären. Mögen auch einzelne hervorragende Geister in Hellas das Sittlich-Gute als den Grundzug der Gottheit geahnt haben, sie bleiben allein auf einsamer Höhe, es fehlte ihrer Überzeugung jeder kräftige propagatorische Trieb,-ihre Ahnung erfüllte die Tiefen des Volkslebens nicht. Darum ringt auch der heitere griechische Genius nicht mit dem Riesenproblem der Theodicee. Die Wissenschaft dieses begnadeten Volkes suchte das Weltbild in seiner-Harmonie als Kosmos zu erfassen, seine Kunst gestaltete in unvergänglichen Schöpfungen ein ideales Reich des Schönen, darüber der Sonnenschein einer ewig heiteren Phantasie verklärend spielt, aber das heilige Sehnen nach Gott, der uns nicht zum Lustgenuß, sondern zur Pflichterfüllung. geschaffen, ist nicht Hellas beschiedener Teil. Solches Verlangen, das nicht ruhte, bis ihm Stillung ward, glühte in den Herzen Sems?) Nur wo der Glaube an den sittlichen Weltgott der Grundzug des geistigen Lebens bildet wie hier, wird diese Frage nach dem Einklang der Gottesgerechtigkeit mit den Erfahrungen des Lebens eine Zentralstellung erhalten. Es bleib.t wahr, was ein christlicher Theologe3) von den Juden sagt: „Gott hat sie zum Herold seines Namens gemacht, weil er nicht von der Weisheit erkannt sein will, sondern nur dem Glauben und der Liebe sich offenbart. x) vgl. zu diesen Ausführungen als Belege besonders <5181, 356, «371, v209, M44. 2) Gen. 9. 37. vgl. dazu Nahida Remy Culturstudien über das Judentum. S. 19 Anmerkg. 3) R. F. Grau, Semiten und Jndogermanen in ihrer Beziehung zu Religion und Wissenschaft S. 235»

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