Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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126 ~F der seine Stammesbrüder der ägyptischen Frohn entriß und sie für die Lehren des Rechts erziehen wollte. In solcher Gesinnung sind die Worte geboren: „Du sollst das Recht deines Armen nicht.beugen in seinem Streite."*) „Der Fremdling, der bei euch weilet, sei dem Einheimischen gleichgehalten. Du sollst ihn lieben, wie dich selbst."-') „Liebe und Recht sostst du erstreben." 3). Drei Worte — Bergriesen, die mit ihren Häuptern den Himmel berühren. Auf der Höhe solcher Gottempfindung empfing Amos, der Hirte aus Tekoa im 8. Jahrhundert die Kraft und die Weihe, die Forderung der Gerechtigkeit geltend zu machen und dem Unrecht ins Gesicht zu schlendern die wuchtige Drohung des nahen Gerichts. Ihn blendete nicht der gleißende Glanz weltlicher Erfolge, ihn beirrten nicht die ruhmvollen Siege Jerobeams. des Zweiten, ihn benebelten nicht die rauschenden Feste. Ruhig und würdevoll ragte die Gestalt des Sehers inmitten des wogenden Volkes empor. Seine Stimme erscholl mit eindringlichem wunderbarem Klang', weit^ hin über die Häupter der Lauschenden, wie durch einen Zauber gebannt horchten die Ausgelassenen auf jene Worte hin, welche wie ein Blitz herniederfuhren und wie der Laut des rottenden Donners in den Lüften. Bei dem Klange seiner merkwürdigen Predigt war vor ihren geistigen Augen etwas emporgestiegen, wovor sie im Innersten erbebten. Samarias Herrscherkrone in Staub gesunken. , Israels Glanz in dunkler Nacht verloschen .... Das konnte nicht sein. Wie Gotteslästerung klang's, wie Hochverrat gegen die Ideale des Vaterlandes .... Doch ehe sie sich von der befremdenden Kunde innerlich losgerissen hatten, vernahmen sie die Botschaft, einschmeichelnd wie der säuselnde Westwind, und doch markig und mächtig, wie das Brausen des Meeres: „Es quelle gleich Wasser Recht hervor und Liebe wie ein sieghafter Strom!" ^) Was Amos im Reichstempel Samarias den festlichen Schaaren zugerufen hatte, das predigte Jeremias, der Mann, der das Elend schauen solltet, im Königspalaste Jndaeas, kurz bevor die furchtbare Katastrophe über sein Volk hereinbrach: „Übet Gerechtigkeit und Liebe, und kränket nicht Fremdling, Waise und Witwe."-) Die Betätigung der Gerechtigkeit ist ihm Kern und Stern der Gotteserkenntnis. So preist er den frommen Josias: „Er führte die Rechtssache des Arnien und Dürftigen, das war wacker, das war die rechte Erkenntnis meines Wesens, ist der Spruch des Ewigen."7) So hatte einst der Zeitgenosse des redegewaltigen Jesaias, Micha aus Moreschet, auf dessen Untergangsverkündigung sich Jeremias Freunde beriefen K), den sittlichen Ertrag der prophetischen Gytteserfassung zusammengefaßt und ausgesprochen in dem großen Worte, das ich ein Grundbuch der Religion im Kleinen nennen möchte: „Gott hat Dir kund getan, Mensch, was gut ist, was er drum von dir fordert: Recht tun, Liebe *) Ex. 23, 6. 2) Lev. 19. 34. 3) Dent. 16, 20. *) Am. 5, 24. B) Thren. 3, 1 ") 3er. 22, 3. 7) Jer. 22, 16. «) Jer. 26, 18.