Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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124 „Wer lebt, der nicht gekränkt wird oder kränkt? Wer stirbt und nimmt ins Grab nicht eine Wunde von Freundeshand?" Selbst der glücklichsten Einer, Goethe, bekennt als Fünfundsiebzigjähriger, daß er in seinem ganzen langen Leben keine vier Wochen eigentlichen Behagens genossen habe. Ein Ton tiefer Schwermut hallt durch das Leben, unbezwingliche Sehnsucht liegt über der Welt wie ein unsichtbarer Schleier gebreitet. Es geht ein allgemeines Weinen, So weit die lieben Sternlein scheinen, Durch alle Adern der Natur. Man Hai versucht, die Bilanz zwischen Lust und Unlust zu ziehen. Kuno Fischers macht einmal die sehr treffende Bemerkung, daß die hoffnungsreichen Zeilen auch immer die optimistischen sind und an das Überwiegen des Guten glauben. . So scheint die Stellung zu unserer Frage mehr oder minder Stimmungssache zu sein. Jedenfalls hat die Philosophie, die Nacht unseres Problems nicht erhellt, es ist auch nur geringe Aussicht, daß es ihr je gelänge. Seit Kant sieht man wissenschaftliche Gewißheit nur auf dem Gebiete experimenteller Erfahrung und das spekulative Denken hat tatsächlich seine Suggestionskraft auf moderne Menschen eingebüßt. Dies ganze Problem gehört seiner Natur nach ins Bereich des Glaubens, d. h. der religiösen Erfahrung. Wer Gott erlebt in tiefster Seele als den Heiligen, dem ist unmittelbar darin der letzliche Sieg des Guten verbürgt. Ihm klären sich die ungelösten Akkorde zu seligen Harmonien und jeder Schmerz verliert seine Herbheit durch die völlige restlose Hingabe an die göttliche Vaterliebe. „Dir selbst bewußt kaum, ist dein Leid ein Heimweh nach der Ewigkeit." - Die Bibel, diese „große Hausapotheke der leidenden Menschheit", bietet auch Heilmittel für den Weltschmerz. Sie zeigt uns die Glaubensnöte und die Glaubenstriumphe, die Geisteskämpfe und Geistessiege, die Stürme des Zweifels und die Stille der Gottseligkeit. Israel hat ernst und redlich um die Läuterung und Vertiefung seines Gottbewußtseins auch in der Richtlinie der Theodicee sich gemüht. Man darf von ihm sagen, was die Schrift an dem Dritten der Patriarchen preist: „Du hast gerungen mit Mächten und mit Menschen und hast gesiegt."*) II. Der Gerechtigkeitsgedanke als Wurzel der biblischen Theodicee. Alles Werden vollzieht sich im Dunkel. Auch die Entstehung des Eingottglaubens in Israel liegt nicht klar vor Augen. Jedenfalls genügen natürliche Faktoren allein nicht zur Erklärung. Man hat neuerdings die Wurzeln der Religion sorgfältig aufgedeckt.3) In jedem Glauben sollen Naturverehrung, Seelenkult und Anerkennungeines höchsten *) Gesch d. neuen Philos. II. S. 465. 2) Gen. 32, 29. 3) Schroeder, Ursprung und Wesen der Religion S. 16.