Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Es liegt ein wohl begreiflicher Reiz in diesem Problem; berührt es doch den Lebensnerv der Religion und die Grundgedanken jeder Metaphhsik.> So zog es auch immer von neuem die Denker an. Man wird an die Freier in Gozzis Märchen erinnert, die uneingeschüchtert durch die blutigen Köpfe unglückliche? Vorgänger, sich stets von neuem wieder zu Turandots Rätsel drängten. Ich halte es für zwecklos, die verschiedenen Versuche zur Seantwortung unserer Frage zu zergliedern, alle diese feinen Disstinktionen und listicen Auswege aus dem bekannten Dilemma, in das die optimistische Weltanschauung gerät: entweder wollte Gott das Übel, so wäre er nicht gut, oder er wollte es nicht, : so wäre er nicht allmächtig. Es sei im Borübergehen darauf hingewiesen, daß Wirklich Alexander von Aphrohisias, der Mutazilit an Nazzam und Voltaire Gottes Allmacht zu Gunsten seiner Güte und Gerechtigkeit beschränkt haben. Mit Lotze') wird man bekennen müffen: Den rettenden Gedanken hat hier niemand gefunden, und ich weiß ihst auch nicht. Entscheiden wir uns dafür, daß unsre menschliche Weisheit zu Ende ist,: und daß wir die Lösung nicht begreifen, an die wir glauben. Daher kommt es auch, daß die Versuche der Theodicee jbei unserer Zeit nicht mehr ip Gunst stehen, worüber sich Paulsen^) beklagt. Der Genius der Weltrveisheit scheint mit Mephistopheles zu höhnen: „O glaube mir, der manche tausend Jahre An dieser harten Speise kaut, Daß von her Wiege bis zur Bahre Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut." In der Tat ist die Fülle des Leides wohl im Stande, auch religiöse Naturen zu bewegen und zu beunruhigen.; Unleugbar ist das Leid. Der G. Roüranes*) schildert in ergreifender Weise die Herrschaft Hungers, der Todesqualen im Leihen der Tierwelt. Was besagt von Jämmer der Hinweis auf dije Fälle gegenseitiger Hülfeleistung bei den Tieren4J! Auch wir Menschen sind eiye große Leidensgenossenschaft, iks gibt so viel Elend quf Erpen, daß man vor Mitleid sterben müßte, könnte man §es mit einem Male überschauen. Der indische Königssohn sah auf einer Lustfahrt einen Kranken, einen Greis, einen Toten, er kehrt um, predigt Entsagung: Am Irdischen soll der Mensch nicht fester hangen als der Tropfen ans Lotosblatt, und die Neobuddhisten aus der Schule Schopenhauers halten das Leben für ein Geschäft, das nicht die Ohakesspeare, einer der besten Kenner des Menschenlebens mit den Worten: große Naturforscher des Schreckens, des gegen diese Unsumme Kosten deckt, greift uns ans Herz *) Mikrokosm. III. 3. 601. *) Syst, der Ethik I. S. 292. S. 64. 4) Dennert, Bibel und Naturwissenschaft S. 90. ') (bedanken über Religion