Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-03-01 · Heft 3 (1.3.1906) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 3 (1.3.1906)
Date
1906-03-01
Page
Seite 71 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2970002-2970006--7907-2978603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 Sprache dargestellt worden, wie in diesem Werke. Juda und Antiochus treten sich im Bolksvekächter gleich zu Anfang als die beiden Repräsentanten zweier gegensätzlicher Weltanschauungen gegenüber, da Juda noch ein Tempelschüler ist und Antiochus ein Flüchtling. Und nun begleiten wir Juda in seiner ganzen aufsteigenden Entwickelung, die ihn, in dem schon frühzeitig das Feuer des religiösen und patriotischen Helden glüht, zunächst im Gegensatz zu seinen zum großen Teil griechisch gesinnten priesterlichen Lehrernund Mitschülern bringt, die den ihnen hochmütig und als Sonderling erscheinenden Juda den „Volksverächter" nennen. Selbst dem Vater Mathatias, der in der vox populi auch die vox <lei erblicken zu müssen glaubt, füllen bange Sorgen die Brust ob des Zohnes Denkart. Juda aber geht seinen Weg unbeirrt weiter, bis er nicht nur vom sterbenden Vater, sondern auch von dem patriotisch gesinnten Teile des jüdischen Volkes als Retter des Vaterlandes und Führer im Kampfe gegen syrische Tyrannei und grausame Bekehrungswut anerkannt wird. Antiochus sehen wir dom Flüchtling sich bald zum gefürchteten Beherrscher Syriens aufschwingen, um später in dem Kampfe mit dem verhaßten Makkabäerhelden Juda zu unterliegen und zu verbluten. Selbst der ernste Politiker wird in unserer Zeit der Nationalitätenkämpfe nicht ohne hohes Interesse diese packenden Schilderungen des Existenzkampfes eines unterdrückten Volkes lesen! Besondere Anteilnahme erweckt uns das innige, keusche, aber aussichtslose Liebesverhältnis zwischen Juda und der feingebildeten und hochgesinnten Griechin Elektra, in dem der Dichter jüdisches und griechisches Wesen zu versöhnen und zu einer harmonischen Einheit verschmelzen sucht. Freilich, um auch die Schwächen des Werkes zu berühren, unterliegt gerade hier der Dichter bedauerlicherweise der Versuchung, in christlichem Sinne zu theologisieren. Wir sehen Elektra in längeren Gesprächen mehrfach, wenn auch vergeblich bemüht, Juda zum Griechentum hinüberzuziehen, wobei sie auf einen kommenden (natürlich den christlichen) Erlöser hinweist, der seine. Liebe nicht bloß auf Israel, sondern auf alle Völker ausdehne. Einen weiteren, noch deutlicheren Hinweis auf Jesus bringen die Schlußkapitel des Buches. In dem Augenblick, wo Juda und Elektra auf ewig von einander Abschied nehmen,! wo vor Beiden dicht verschleiert die Zukunft liegt, da — „fern nur, fern, wo Bethlehejn lag, leuchtete friedsam ein Stern." „Fern, ganz fern winkte der^ Stern von Bethlehem." Die Schlußseile des Werkes endlich klingt uns in einen Hymnus auf die Zeit, da. Jesus erschienen sei und die Sehnsucht der Menschen erfüllt habe. Ich bin mir belviußt. völlig objektiv zu urteilen, wenn ich sage, daß wir es hier mit einer Entgleisung! des Autors zu tun haben. Denn da, wo der Künstler anfängt, die Geschäfte des Theologen zu besorgen, anstatt sein Werk ganz durch sich selbst wirken zu lassen, da verläßt er eben die Bahn des Künstlers. Eschelbach will doch aber keineswegs als sogenansiter „katholischer Schriftsteller" gelten, sondern strebt nach universellem Künstlertum, wozu er durchaus das Zeug hat. Das hat der tiefempfindende Lyriker, der feinsinnige Novellist tausendfach bewiesen, das zeigt er vor allem im Polksverächter. Er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.