Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1906)
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Präsident zu wählen sei, und von dem Hamburger Richterkollegium für das dortige Obergericht^vorgeschlagen— wurde Messer am 17. Oktober 1860 zum Obergerichtsrat ernannt — er, denn man 30 Jahre zuvor in Hamburg die Advokatur verweigert! In so herrlicher Weise ward in Riesser selbst die Richtigkeit und Tüchtigkeit seines Strebens und Wirkens belohnt. Riesser ward der erste deutsche Jude in jeder Beziehung, er war auch^der erste, der Richter und zwar Mitglied des höchsten Gerichtshofes wurde, und hätte er das Jahr 1879 erlebt —- ihm wäre wohl ein Sitz in dem von seinem Frankfurter Parlaments- und Präsidialgenossen Simson präsidierten Reichsgericht zugefallen. Mindestens war er desselben würdig. Riesser's Wirksamkeit in diesem angesehenen obersten Gerichtshöfe Hamburg's war eine bedeutende — leider nur eine kurze. Im Jahre 1861 war er noch Vizepräsident der Bürgerschaft, im Jahre 1862 unterlag er bei einer Wiederwahl radikaleren Elementen. Am 22. April 1863 starb Riesser, 57 Jahre alt, in Hamburg. Sein Leichenbegängnis am 26. April gestaltete sich zu einer großartigen, selbst in Hamburg bis dahin nicht gesehenen allgemeinen Feierlichkeit. Nicht bloß die deutschen Juden; alle wahrhaften Deutschen von Bildung fühlten die Schwere dieses Verlustes. Im israelitischen Tempel fand am folgenden Sonnabend eine Trauerfeier statt. Auf seinem Grabe ward am 29. Oktober 1865 ein Denkmal enthüllt: Ein Tempel mit dem Bildnis der Wahrheit, welche die Schlange der Lüge tötet. Es ging aus Beiträgen christlicher und jüdischer Verehrer hervor. Das herrlichste Denkmal hat er sich selbst gesetzt in seinem Wirken, seinen Werken. Die von deutschen Glaubensgenossen seinem Andenken errichtete Riesserstiftung gab letztere in vier Bänden heraus (1867). Ihr erster enthält die treffliche Biographie Riesser's von Dr. Jsler^ und zahlreiche Briefe Riesser's. Die übrigen drei Bände enthalten Riesser's Hauptschriften. Die Riesserstiftung hat ferner den Zweck, jüdische Studirende und jüdische Gelehrte zu unterstützen. Wer Riesser nur einmal in das freundliche Antlitz, in die leuchtenden Augen gesehen, der hat eine schone Erinnerung an ihn für immer sich erhalten. Von seiner Liebenswürdigkeit, seiner Herzensgüte, seiner zündenden, flammenden Beredtsamkeit geben seine Briefe, seine Schriften, giebt sein Leben Kunde. Gabriel Riesser ist ein Rechtsanwalt der Deutschen, ein Rechtsanwalt der Juden gewesen. Er ist der Begründer der Rechtsgleichheit für'alle deutschen Juden. Keiner vor ihm, keiner nach ihm hat auf diesem einen Punkt so gewirkt, wie er. Was er im schweren Kampfe erstrebt, was er durch seine herrlichen Schriften und durch seine ausgezeichnete Persönlichkeit errungen hat — man sucht es heutzutage wieder in Frage zu stellen. Ob uns neue Kampfe bevorstehen — wer weiß es. Möge uns Riesser's Gsist, Riesser's Gemüth, Riesser's edle Menschlichkeit stets vor Augen schweben und im Herzen leben.