Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1906)
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Da brach die Julirevolution aus, für Deutschland der Anfangspunkt freiheitlicher Regungen, der Umwandlung des Polizeistaats in den Rechts- und Verfassungsstaat, für die Juden insbesondere das Signal der Erlösung. Und keiner hat dem Schofar, der hineintönte in die Ständeversammlungen, hinaus in die öffentliche Meinung, schmetterndere, tiefereindringende, wohlklingendere, erfolgreichere Töne entlockt, als Riesser. Der Schriftschätz der jüdischen Emanzipationsgeschichte ist reich an guten, noch .reicher an mittelmäßigen Arbeiten. Das Beste, was in jenem Jahrhundert für die Juden geschrieben wurde, ist von Riesser. Er verließ den bisherigen Standpunkt der Bitte, er stellte sich auf den Rechtsstandpunkt. Er forderte als Recht, was seinen Glaubensbrüdern verweigert wurde. In Frankfurt durften jährlich nur 15 Juden sich verheiraten, 2 darunter mit Nicht-Frankfurtern. In Hamburg und Mecklenburg durften sie nur Kleinhandel treiben, ähnlich iu Hannover. Bremen und Lübeck ließ sie nicht zu. In Sachsen wären sie auf Dresden und Leipzig beschränkt und von jedem bürgerlichen Erwerbe, außer dem Handel mit alten Kleidern und ähnlichem ausgeschlossen. Da erschien 1830 Gabriel Rieffer's Schrift: „lieber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland. An die Deutschen aller Konfessionen." Inder Vorrede dieser, noch heute, nach so vielen Jahren nicht nur lesbaren, nein, eindringlich wirksamen, genußreichen Schrift, einer Perle des deutschen Schrifttums, sagt Riesser: „Die Zeiten der Glaubensmärtyrer sind vorüber; die Frage der Glaubensfreiheit ist heutzutage mehr eine Frage des Rechts, der Ehre, der Freiheit, als des Glaubens. Aber das Vertrauen auf eine gerechte Sache ist auch ein Glaube; es kann auch begeistern zu Mühen und Opfern, die, wenn sie kein augenblichlicher Erfolg krönt, wohlthätigen Samen in die Zukunft streuen können." Im Jahre 1831 erschien Rieffer's: „Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn Dr. Paulus. Den gesetzgebenden Versammlungen Deutschlands gewidmet" mit dem Motto: Einen Vater in den Höhen, eine Mutter haben wir, Gott, ihn aller Wesen Vater, Deutschland, unsre Mutter hier. In dieser Schrift heißt es : „Ich habe einmal kurz nach einander die Bergpredigt und das Handbuch des Epiktet gelesen und ich muß gestehen, daß das letztere einen viel tieferen Eindruck auf mich gemacht, meine Stimmung, in höherem Grade gestärkt und erhoben hat. Auch bin ich der Meinung, daß viele moralische Lehren enthaltende Stellen des Alten Testaments, ja selbst manche in dem verschrieenen Talmud und in rabbinischen Schriften den trefflichsten Stellen des Neuen Testamentes an die Seite zu setzen sind." Riesser schließt diese, in sechs Tagen verfaßte Schrift, mit folgenden Worten: „Daß wir die Freiheit anders auffassen, daß wir nach der Erlangung einer höheren Freiheit auf einem anderen Wege als der ist, den man uns zeigt, mit allen Kräften ringen nnd streben und bis zum letzten Lebenshauche zu ringen und zu streben