Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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erfordert. Wo wollen die Herren die für die erste Million russischer Juden erforderlichen 50 Millionen Pfund "Sterling finden? Selbst wenn die jungen Einwanderer alles, was sie in der neuen Heimat! erwerben, hergeben wollten, würde nur ein kläglicher Betrag aufgebracht werden können. Die Leiter der Organisation geben an, daß ihre Bestrebungen mit der Philaytropie nichts zu tun haben. Haben sie auch schon dafür gesorgt, daß die Geldgeber, dse für eine so zweifelhafte Kolonisation unbedingt erforderlichen ersten Mittel geben?! Falls die Führer der tfrritorialistischen Organisation zur Einsicht gelangen sollten, daß ihre Projekte unerreichbar sind, und sie weniger hochtrabend, statt für Millionen nur für Tausende ihrer unterdrückten Glaubensgenossen sorgen wollten, würde ihre Energie in den jetzigen unheilschweren Zeiten großen Nutzen für die jüdische Emigration haben können. Die 50 Pfund, die erforderlich sind, um langsam und mit großen Schwierigkeiten eine einzige Person zu kolonisieren, würden genügen, um sechs Personen nach Argentinien hinüberzub^ingen. Nach den bisher mit der Auswanderung nach Argentinien gemachten praktischen Erfahrungen zu urteilen, könnte dieses Land für eine unbestimmte Zahl von Juden von nicht nur großem, sondern unmittelbarem Vorteil sein. Auch Kanada könnte nach djer jüngsten großmütigen Rede des Sir Wilfried Laurier gleichfalls eine sehr große Zahl von geeigneten Einwanderern anfnehwen. Falls Mittel für Kolonisatian aufzubringetz sind, so könnte man diese Mittel besser jetzt schon für Emigration verwenden. Mindestens sechsmal so viel Gutes würde damit gestiftet werden; denn sechsmal so viel Opfer her russischen Unterdrückung würden aus der Finsternis in das Licht der Freiheit gelangen. Endlich — und das ist das Wichtigste — würden alle Pläne, ob Kolonisation, pb Emigration, nur einem kleinen Teil der Dulder zugute kommen. Für das Gros des russischen Judentums kann das Heil nur in Rußland selber unter einem Regime von Freiheit und Gerechtigkeit erfolgen, einem Regime, unter dem sie die gleichen Rechte istit allen ihren Mitbürgern genießen. Daß sie dieses Recht endlicherhalten, muß unsere ständige Hoffnung und unser unaufhörliches Verlangen sein. Die dringendste Pflicht ist aber einstweilen das zu tun, was uns am nächsten liegt. Das ist unsere Pflicht" gegen die Opfer der Katastrophe, deren Angstschrei aus mehr als hundert russischen Städten zst uns herübertönt, gegen die Tausende von Witwen und Waisen, die durch die mitleidslosen Schlächtereien ihrer Väter und Ernährer beraubt worden find, gegen jene Tapsende von Männern, Frauen und Kindern, die für das ganze Leben von Schurken verstümmelt worden sind, das ist endlich unsere Pflicht gegen jene Zehntausende, die durch pie Zerstörungswut von Räubern und Bestien ohne Haus und ohne einen Pfennig geblipben sind. Diesen Leidenden beizustehen, die Hungernden und Obdachlosen zu schützen, den Tausenden von bedrohten Leben mit allen möglicher Mitteln zu helfen, daß muß in erster Reihe unsere Sorge sein. Wir bitten alle guten Menschen, die zweifellos in bester Absicht mit Projekten umgehen, die im besten Falle iß; einer fernen Zukunft einiger Wenigen zugute kommen könnten, ihre Energie mit der