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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-02-01 · Heft 2 (1.2.1906) · p. Seite 32

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 2 (1.2.1906)
Date
1906-02-01
Page
Seite 32 (sequence 10)
Language
German
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32 Die Vorwürfe sind auf seinen verhältnismäßig geringen Teil zu beschränken. Die Genußsucht teilt er mit den schwachen Kindern der anderen Bolksstämme, der Mangel an idealem Sinn ist auch anderswo zu bemerken. Was die Untreue betrifft, so könnten wir den Staat dafür verantwortlich machen. Solange der Staat sich nicht von der Religion trennen kann, oder jfolange er sich nicht als Rechtsstaat durchsetzt, der bei gleichen Pflichten gleiche Rechte zuerteilt, solange wird er, ohne es zu wollen, der Heuchelei Vorschub leisten. D^n Abtrünnigen aber, die uns mit der Ausflucht beruhigen möchten, dieselbe Sittenlehre sei auch den anderen Religionen eigen — ihnen wollen wir nur das eine erwidern, die Sittenlehre macht noch nicht die ganze Religion aus, ihr aber müßt ja ein Glaubensbekenntnis ablegen, und wie könnt ihr das tun, da ihr doch sonst gegen die Religion gleichgültig seid, ja vielleicht gar Atheisten seid! Wie wenig kennt man doch unser inneres Leben, wie wenig unsere Auffassung der Gegenwart! Ja, wir leben der Gegenwart, weil ihre rechte Behandlung die Zukunft gewinnt. In der Gegenwart leben,' heißt den Zeiten Ziel und Richtung bestimmen. Freilich ein „leeres und unbestimmtes Ideal" ist uns fern, wir wenden uns einem „bestimmten, tätigen Leben zu, aber ohne die idealisierende Kraft dabei einzubüßen"; wir erstreben einen festen, materiellen Boden, weil nur auf diesem der Idealismus sich ungehemmt entfalten kann. Wir ohne Idealismus? Blicket auf unser Familienleben! In der ärmsten Hütte wie in den vornehmsten Palasten weht ein idealer Hauch, religiöser Geist und Pietät. Die Eltern leben für ihre Kinder, und auf die Kinder übt das alte Wort noch immer seinen Zauber aus: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!" Wir wollen es nicht verzweigen, daß auch in unserer Mitte in bedenklicher Weise sich die Häuser mehren, in denen man mit moderner Klügelei nur ein Recht der Individualität anerkennt, jede Pflicht aber als eine Beschränkung, als einen lästigen Zwang zurückweist. Diese-Häuser werden sich wohl selber kaumnoch zur israelitischen Gemeinschaft zählen. Wir ohne Idealismus? Blicket auf unser Gemeindeleben! In heiliger Begeisterung werden da fromme Handlungen und Liebeswerke vollbracht. Männer aller Berufsstände treten zusammen und opfern in frohem, brüderlichem Gemeinsinn Kraft und Zeit dem Gemeinwesen. Wir ohne Idealismus?! Blicket auf unser Geistesleben! In bienenhafter Emsigkeit werden da Schätze gehoben zur Ehre Gottes *) und zum Segen für alle Völkerfamilien. Da werdet ihr Israel im Bilde der „Lilie" sehen oder des „belaubten Ölbaums" oder der „Palme" oder des „Weinbergs des Herrn Zebaoth". Ja, durch Israel wird auch in der Gegen wart die Gotteserkenntnis erweitert, wird die Anerkennung eines göttlichen Waltens vertieft,^) denn in Israel schlägt einmal das religiöse Gewissen der Völker. *) Debarim rabba 1, 1. j2) Pesikta 166 b.

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