Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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29 zlr sichten, um nur das zurückzubehalten, was es vor Gott II. Israel hat eine große Vergangenheit, Israel hat aber auch eine große Zukunft. Das „Volk! der Urzeit" ist auch ein „Volk der Ewigkeit". Was d ^r Herr vor alters geweissagt, das ist eingetroffen; was er schon damals verkündet und ungesagt, das sollte sich in der Zukunft bewähren. „Ihr seid meine Zeugen!" Gleich den vier Winden habe ich euch zerstreut, *) spricht der Herr, aber euch nicht den vjer Winden preisgegeben. Ihr sollt ^den Winden gleichen, die erfrischend und säubernd durch die Lande wehen. Wie die Welt nicht ohne Winde bestehen kann, so kann bie; Menschheit nicht ohne Läuterung bestehen, wie sie Jsräel zu erstreben hat in jeder Latze.') Eine große Aufgabe, die hier Israel zugedacht wird! Dürfte es sich da auf sein Erbgut beschränken? Mußte es nicht hinaustreten äuf den Plan, wo Kulturmäch^e neue Werte zu gewinnen suchten? Israel ward feinjer Aufgabe gerecht Alle Weltanschauungen und alle Lebensweisungen schüttelt es durchwein Sieb, um den Weizen vonj der Spreu verantworten kann. Was sagen wir als Zeugen Gottes den Naturgläubigen? Ihr begnüget euch damit, die Naturgesetze aufzufinden und den Naturtauf zu erklären^ ohne weiter nach dem Urgruüd alles Daseins zu fragen. In der Einheit des Weltalls, ist euch alles und jedes l^ott. Auch wir finden Gott im ganzen Weltenraum „allgegenwärtig", aber er geht in ihm nicht auf, die Welt schließt ihn nicht ein.°) Selbst als „Allumfaffer" wäre er ein unfreier, ein durch die Naturnotwendigkeit gebundener Gott. Unser Gott ist die schöpferische Allmacht, die ihr Wesen in sich allein trägt. Gott ist uns kein Begriff, sonst könnten wir zu ihm kein persönliches Verhältnis Herstellen. Wie die Himmel von des Schöpfers Ehre erzählen, wie das Firmament seine Werke! verkündet, so bezeugen wir es dankbar, daß er uns Vater ist,4) der uns so wunderbar geschaffen, uns mit Hoheit und Würde gekrönt, uns ju Herren der Erde und zu seipem Dienste berufen hat. Ihr!stellet unserem Glauben das Wissen gegenüber, ja, ihr erhebet das voraussetzungslose Wissen über den Glauben? Ihr meint uns zu beschämen, wenn ihr uns vorwerfet, der. Glaube beginne da, wo das Wissen aufhört. Worauf gründet sich denn das Wissen? Auf Erfahrung. Worauf gründet sich unser Glaube? Auf Erfahrung. Unser Glaube ist ebenfalls ein Wissen.5) Uns gilt als Quelle der Erfahrung nicht bloß die Natur, auch die Geschichte ist uns eine Lehrmeisterin, *) auch das Herz ist uns ein sicherer Wegweiser/) und gerade dort, wo der Geist versagen will.! Ist doch Gott das' Herz Israels!*) Die innere Erfahrung des Herzens redet zu uns nicht minder ein^ dringlich als die äußere Erfahrung, die wir aus der Natur, die wir aus der Geschichte geschöpft haben. Unser Glaube darf in keiner Weise einen Widerspruch bilden zu wiflen- *) Sejcharia 2, 10. *) Taanith 3 b. 64, 7. °) Jjob 19, 25. -) V. Mose 32, 7. *) Bereschith rabba 68. 4) V. Mose 32, 6; Jesaia *) V. Mose 30, 14. 8) Pesikta 46 d.