Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2970002-2970004--7848-2978542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
22 städtische Schulbehörde gewährte ihm einen halbjährigen Urlaub zu einer Studienreise nach England. Nach der Rückkehr erwarb Jutrosinski noch die Lehrbefähigung für neuere Sprachen. Die Verso gung seiner Bestätigung seitens der Regierung wurde jetzt noch weniger begreiflich, der Fall Jutrosinskr nrachte Aufsehen. Er beschäftigte wiederholt das preußische Abgeordnetenhaus. Die Regierungskonrmissare — es waren Räte aus den Ministerien Raumer, von Bethmann-Hollweg und Mühler — mußten erklären, daß Charakter und' Befähigung Jutrosinskis ihnen durchaus zur festen Anstellung genügten. Jutrosinskl hielt um der Sache willen an seiner Stelle fest und hatte endlich doch Erfolg. 1868 kam aus dem Ministerium Mühler die Bestätigung. In Posen lehrte Jutrosinski bis 1872. Durch die Berufung zum Direktor des Reichenheim'schen Waisenhauses wurde ihm in Berlin ein neuer und lohnender Wirkungskreis erschlossen, in dem er viel Segen chat stiften können. Wissenschaftlich hat sich Jutrosinski auf verschiedenen Gebieten betätigt. Geschichtlichen Inhalts ist seine Doktorschrift über „Die Fugger" deutung der Baumwolle für eine Studie über die englichen Zur Nationalökonomie hat er eine Arbeit über die Beden Welthandel beigesteuert. Hervorzuheben ist weiter Reviews. Zahlreiche Einzelbeobachtungen zur Pädagogik hat Jutrosinski in den Jahresberichten des Reichenheim'schen Waisenhauses niedergelegt. In einer 1887 erschienenen Schrift schildert er die Entwicklung der Berliner jüdischen Gemeinde. Mit dem Ende des Winterhalbjahres gedenkt Jutrosinski in den Ruhestand zu treten. — Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach in B e r l i n Herr Dr. Gustav Karpeles-Berün über den deutschen Dichter der Juden, Polen und Ruthenen Halbasiens, Karl Emil Franzos. Sein Lebensbild und die hohe Bewertung seiner Dichtungen und landschaftliches Charakterbilder stehen bei der Mehrzahl der Mitlebenden in frischer Erinnerung, da da^ Hinscheiden des Dichters am 28. Januar 1904 Gelegenheit zu eingehenden Betrachtungen seines reichen Schaffens geboten hat. Trotzdem füllte Dr. Karpeles' Zuhörerschaft den Union-Festsaal über den letzten Platz hinaus, bis in den Vorsaal hinein, uw den bekannten Heine-Biographen, Publizisten, einstigen Breslauer Theaterkritiker und-Redakteur der Allgemeinen Zeitung des Judentums über Franzos sprechen zu hören. Den Grundzug im Charakter des im Jahre 1848 als Sohn eines Arztes an der russischen Grenze geborenen Deutsch-Österreichers findet Karpeles in dem stolzen Bewußtsein, ein Deutscher zu sein, und in der treuen Anhänglichkeit an sein jüdisches Volkstum. Dr. Karpeles stand dem Dichter, der sich Anfang der Achtziger-Jahre in Berlin niederließ, lange Jahre hindurch, bis zu dessen Tode, persönlich nahe und weiß aus dem Munde des Dahingegangenen, daß er mit Überzeugung-am Judentum festhieft Franzos kannte die Schwächen und Fehler des jüdischen Charakters, und er durste sie schildern, weil er auch für die Hellen Lichtseiten des jüdischen Geistes einen offenen Blick hatte. Selbst wo, wie in manchen Landstrichen Rußlands, die jüdische Bevölkerung auf einer tiefen Bildungsstufe steht, hat sie noch so viel Kulturwert in sich, daß ein Dichter mit dem warmen Herzen eines Franzos