Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 sie sich darauf, daß die doch , auch vom Christentum angenommene Lehre von der Nächstenliebe von den jüdischen 'Gesetzesauslegern mit Bezug auf Delinquenten als Pflicht gedeutet wird, den. Verurteilten nicht zu martern, sondern so schleunig, wie möglich, hinzurichten. Diese in wahrsten^ Sinne des Wortes grauenhaft bescheidene Bitte mußten aber die Ärmsten bitter bereuest. Die autorisierten Vertreter der reinen Religion der Liebe schlugen beim Anhören erwähnter Argumentation eine höllische Lache an und begannen sofort, ihre Opfer von dem Tage an noch zehn mal mehr zu martern mit der Begründung, weil ihre Vorfahren ja Christus am Kreuze gemartert haben, eine Fabel, an der zu jener Zeit niemand zweifeln durste. Nun da wir gerade mit der Inquisition beschäftigt sind, wollen wir auch das zweite Beispiel, das wir hier brauchen, aus demselben geschichtlichen Gebiete entnehmen. Bekannt ist, daß es zu dem Zeremoniell dieser schändlichsten aller menschlichen Ver- . irrungen gehörte, bei den feierlichen Aufzügen gelegentlich der Autodafes eine Fahne vorantragen zu lassen, auf der die Worte standen r.Tustitia et Misericordia“. Sicherlich hätte der leibhaftige Satan aus dem tiefsten Innern seiner schwarzen Seele keinen frechern Hohn auf jenes „menschliche" Treiben erfinden können, als solch' eine Fahnen- - inschrift. Sie ist nämlich die Übersetzung der schon oben erwähnten Devise der jüdischen Moral und ihres Zukunftsideahs, tute es besonders die Propheten hundertfach predigten ‘mischpat-uz daka'. Bedenkt man nun, daß unter denjenigen, die hinter besagter Fahne zum Scheiterhaufen geschleppt wurden, meistenteils ehemalige Angehörige desselben Volkes sich befanden, welches zuerst in großartigem Maßstabe jene Devise als das Ziel menschlicher Entwickelung hingestellt hatte, dann wird man zugeben müssen, daß ihre Henker jene „heiligen" Bannerträger, die frommen Hüter des allein selig machenden Glaubens, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, wohl den Rekord menschlicher Niederträchtigkeit geschlagen halsen. Um solche in ihrer Bosheit groß zu nennende Tat erfassen zu können, muß man s^e au folgendem einfachen Beispiel demonstrieren. Ein Spitzbube bekommt von einem Ehrlichen Manne ein echtes Goldstück geschenkt, vertauscht das schnell mit einem ihm gehörigen falschen und zeigt mit diesem o<>ipus delicti in der Hand seinem Wohltäter wegen Jnumlaufsetzens falschen Geldes an. ' Diese trüben und betrübenden Betrachtungen weiter auszuspinnen, ist jedoch nicht der Zweck dieser Zeilen. Was zu beweisen war, ist die Behauptung, daß es ein Wahnsinn war, naiv und treuherzig d^i Menschen zuzurufen: Lasset eure Thorheiten und eure Gemeinheiten, hier habt ihr unsere reine, edle Lehre, die euch allein zur Würde wahren Menschentums erheben kann! Was ist dabei herausgekommen? Man hat die Lehre angenommen und sie so gut befolgt, daß man unter der sie zusammenfassenden Devise ihre Verbreiter mit Pauken und Trompeten im Beisein von Königen und „edlen" Frauen auf den Scheiterhaufen geworfen hat. Und da sich dieses erhebende Schauspiel in derselben oder in mehr oder minder abgeänderter Form Jahrhunderte hindurch hundertfach wiederholt hat und die an demselben arg beteiligten Schauspieler immer und' immer lpieder un-