Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
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4 Angekränkelten Egoismus chlser lieber Jochem Dickbauch (8aueho kavr»). Diesem Typus regt daher^Cervantes eine Fülle trockener, unbeirrter Lebensweisheit in den Mund in der!Gestalt zahlloser vorzüglicher Volkssprüche, an denen die spanische Sprache so überaus reich ist. j Wer aber nun glauhen wollte, diese Bauernphylosophie wäre wirklich die Summa Summarum der CervanteÄschen Lebensanschauung, befände sich sehr im Irrtum. Ganz im (Kegenteil, bei recht eindringlicher Vertiefung in sein Werk, müssen wir zum Schlüsse gelangen, daß er seiner innersten Überzeugung nach den gerade entgegengesetzten Standpunkt einnahm. Das ist hei Cervantes,' wie bei allen höheren Menschen, auch nicht anders zu erwarten gewesein. Solche Naturen halten daran fest, daß das Gute und Wahre unbedingt, bisz'zum letzten Atemzuge, verteidigt werden muß, mag kommen was will. Sie kapituliere^ nicht, wenn die Festung sich nicht mehr halten kann, sie sterben eben. Das heißt, auf das gewöhnliche Leben angewandt: sie schließen mit ihrem Gewissen keine Kompromisse ab, um von dem als gut und gerecht Erkannten nur das ohne allzu große Opfer Erreichbare und unter gewissen Umständen Opportune schon als Letztes Ziel gelten zu lassen, um sich nicht den Kopf an die Wand einzurennen, sie kennen keine „noch ausreichende Gerechtigkeit". Bei ihnen heißt es wirklich: Lat charita3 et Justitia, xereat wunäus. und sie empsinden es als hochtragisch, daß der Egoismus der Einen und die grenzenlose Dummheit der Anderen die Erde zur Hölle für die Meisten machen, ftntt daß die Menschen alle mit vereinten Kräften das Leben möglichst glücklich zu gestä ten trachteten. Unendlich tragisch empfinden sie es auch, daß uns das Leben zwingt, de : Wahrheit, diesem höchsten Gute des Menschen, auf Schritt und Tritt Zwang anzutun, Kompromisse zu schließen, uns mit Halbheiten zu täuschen, inkonsequent zu sein, einer grellen Gegensatz zwischen Theorie und Praxis zu dulden, ohne uus unserer Verlogenheit, Heuchelei und Würdelosigkeit zu schämen. Oder ist etwa z. B. ein Krieg zwischen zwei christlichen Nationen oder selbst gegen eine nicht christliche Nation etwas arideres, wie eine cynische Verleugnung sämtlicher christlichen Prinzipien, zu denen sich dieselben Tod und Elend verbreitenden Menschen von Kind auf in sinnlosem Geplapper bekannt haben? Das läßt sich aber vor der Hand nicht ändern, so traurig es auch ist. Such is life und damit Punktum! Das messianische Zeitalter ist aber noch nicht da, so bestimmt es auch von gewisser Seite behauptet wird. Daraus folgt aber mit eiserner Konsequenz, daß derjenige, der die Wirklichkeit verkennt und die Menschen mit Ger-alt glücklich Machen will, ein Verrückter sein muß, und diese Tatsache ist wiederum auck im Grunde genommen tragisch, von einer trostlosen Tragik. Meisterhaft hat es nun Cervantes verstanden, uns diesen betrübenden, aber auch äußerst komischen Kampf des von Sen besten Absichten beseelten romantischen Ritters gegen die unerbittliche Alltäglichkeit zu schildern, was ihn jedoch nicht verhinderte, im Laufe der Arbeit seinen Helden, dessen idealen Schwunges wegen, lieb zu gewinnen, eine Neigung, die sich unmerklich dem Lrser mitteilt. Auf alle Fälle verbinden wir mit dem Worte