Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 279 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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279 — das Poetisch-Stimmungsvolle seimr Gebräuche; es ist ihr unmöglich, sich taufen zu lassen, obwohl sie weiß, wie viele Hindernisse dies für ihre Ehe mit dem Russen wegräumen würde. Biele ihrer Glaubensgenossen nehmen die herrschende Religion an, lediglich als eine Formalität, die die persönliche Sicherheit in Rußland fördert. Nicht nur dieser Kvmpromis ist ihr unmöglich. Sie, die glücklich war, daß man unter der Studentenschaft gar nicht fragte, ob Jude, ob Christ, fühlt sich doch ins Innerste verletzt, wevn Russen sie loben wollen, indem sie sagen, man merke jhr die Jüdin gar nicht an.' Der Geliebte kommt, uirt Lija zu retten, aber sie kann sich nicht von dem ihr fluchenden Vater losreißen, bis es zu spät ist. Der in das verrammelte Haus eindringend^ Pöbelhaufe macht als er ten Lijas Verlobten nieder. Die blinde Wut gegen die Juden findet als erstes Opfer ins Irrtum ein falsches Ziel. Nun wenden sich die vertierten Kerle gegen das schöne Mädchen und während sie fich um diese Beute streiten, erschießt sich diese. Vater Fränkel bleibt vor Schreck versteinert mit irrem Blicke zurück, der demolierende Haufe zieht weiter. Nun kommt auch der Fanatiker Nochmann noch zur Aktion. Er feuert mit dem Revolver in die Massen, aber er rhcht damit nicht Lijas Tod und die seinem Volke angetane Schmach. Er trifft sozialistische Brüder, Ruffen, welche den Juden zuhülfe eilen. Das Drama predigt also streng genommen, die Sinnlosigkeit alles Geschehens, alles Strebens. Dagegen protestierte das Publikum. Auch die Weberrevolte Hauptmanns endigt mit dem Tod unbeteiligter Unschuld. So äußerlich die Ereignisse dem Schauspiel „Die Juden" einen Abschluß geben, so wird man doch eine Logik darin erkenn *n müssen, diese Leute können ihres ganzen Anlage nach nicht Konflickte lösen, sie vermögen nur die Ereignisse heroisch zü erdulden. Die Dichtungjsart von Hanptmanns „Webern" bis zu Tschirikows „Juden^ gilt als überwunden, aber der ihnen innewohnende Pessimismus ist nicht überwunden^ darum erscheint das „große Drama", das erwartete» auch einstweilen gar nicht möglich. Die drei Akte sind voll von gut beobachteten Szenen und Episoden, wie dies stets der Vorzug des Naturalismus war; allein sie müssen auch darüber hinwegtäuschen, wie langsam die Ereignisse vorwärts kriechen. Wie kommen eigentlich die Ruffen dazu, diese armen Juden niedeczumetzeln? Wir lernen seinen Nichtjuden kennen, außer Lijas Geliebten und einen argwöhnischen Kunden im Uhrladen, der sich nicht traut, dem Juden den wertvollen Chronometer zur Reparatur zu überlassen. Die Gegenseite wird in ihrem Tun nicht verständlich gemacht, sie bleibt der Vollstrecker eines dunklen Fatums. — Aus dem Jahresbericht des israelitischen Mädchenstifts in Frankfurt a. M. ist zu ersehen, daß auch in den Jahren 1902, 1903 und 1904 die Entwicklung des Mädchenstifts eine durchaus günstige war. Sämtliche 22 Stellen des Mädchenstifts waren andauernd besetzt. In der Verwaltung trat insofern eine Änderung ein, als infolge seiner Beförderung zum Oberlandesgerichtsrat in Cassel der seitherige Vorsitzende, Dr. Siegfried Sommer, das Amt niederlegen mußte. An seine Stelle wurde Amtsrichter Dr. Ernst Levi gewählt. Es waren im ganzen 40 Mädchen, die in den Jahren 1902—1904 der mütter-