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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-11-01 · Heft 11-12 (November 1905) · p. Seite 278

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 11-12 (November 1905)
Date
1905-11-01
Page
Seite 278 (sequence 40)
Language
German
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278 AoaatsrAan. In Miinchep gelacrgteam 21.Oktober Tschirikows Schauspiel „Die Juden" erstmalig zur Aufführung. Der tumultuöse letzte Akt rief aber wieder den bekannten Widerspruch hervor und mir durch energisches Eingreifen zahlreicher Beifallspendender ward der Abend äüßerlich gerettet und Direktor Stollberg als Regisseur konnte sich mehrmals verbeugen. M ein er kam doch nicht dazu, mitzuteilen, daß er dem Autor über den Erfolg depeschie en werde, was er gerne tut . . . Zu zischen hatten nur diejenigen recht, welche die ersehnte „Höhenkunst" nicht nur erwarten, sondern bis dahin alles andere vernichten wc llen. „Die Juden" hinterlpssen keine angenehme Empfindung, das taten auch Hauptmanns „Weber" nicht und Gorkis „Nachtasyl" erst recht nicht. Wenn wir Gorki und Tschirikow in ihren beiden Bühnenstücken miteinander vergleichen, so herrscht ittv beiden der gleiche Pessimismus und der gleiche Glaube an die Unüberwindbarkeit des Milieus. Es kann sich deshalb nicht um eigentliche „Dramen" handeln, da die Energie zu kraftvollen Entschlüssen nicht fähig und wenn es doch zu Willensentladungen kommt, dieser planvolles Einsicht entbehren. Die Niedermetzelung der Juden ist eine Katastrophe, ohne Zusammenhang mit allem Handeln. Es fehlt keineswegs an Heroismus, aber es ist ein Heroismus des Leidens, der Passivität. Wie Gorki in die Grau-in-Graumalerei seiner Szenen aus der Tiefe die Lichtgestalt des Luka hineingestellt hat, so haben wir in den sozial und ethisch höheren Milieu der „Juden" Idealismus! genug, aber es scheitern olle. Einzig der schlaue, charakterlose Arzt, Dr. Fuhrmann, erfreut sich des Ansehens und Reichtums. — Der alte Uhrmacher Leiser Frankel hat dreimal alles verloren uyd dreimal sein Leben wieder aufgebaut. Was ihn aufrecht erhält: nach Ibsen die „Läbenslüge", ist der Glaube an die Wiedererrichtung des jüdischen Reiches in Palästina. Sein Sohn und seine Tochter haben die Universität bezogen, dort ihren jüdischen Glauben verloren und das Ideal des Zionismus mit dem Götzen eines sozialistischen Zukunftsstaa^es eingetauscht; wegen Unruhen relegiert, kehren sie in die Kleinstadt zurück, das Milieu der armen Juden jetzt als ein geistiges Capua empfindend.. Da ist der Lehrer Nachmcjnn, ein zetotischer Theoretiker des Zionismus, ein vom Leben verprügelter Mann, der d^as Leben trotzdem nicht kennt, sondern nur seine Bücher. Er hat die Lust am Studium! einst in Lija erweckt, indem er ihren Horizont erweiterte, so wie man Kinder ans denArmt nimmt, um sie weiter sehen zu lassen. Jetzt aber ist sie über seinen Gesichtskreis hinausgewachsen. Daß Lija ihn nicht mehr liebt, würde er als Leidensgewohnter ertragen; daß sie einen Nichtjuden liebt, ist für ihn, wie den Bater des Mädchens das Entsetzliche. Der Hader mit seiner Tochter beherrscht Leiser Fränkel so völlig, daß er ihn foxtsetzt, während draußen schon der Pöbel das Gemetzel beginnt und für die Juden der letzte Augenblick zur Flucht gekommen ist. Auch Lija! ist gebunden in ihrem Milieu, soviel die Studentin in ihr darüber hinaussieht. Obwohl init dem Judentum als Religion verfallen, hat sie doch eine pietätvolle Verehrung für

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