Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 262 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2970014-2970026--7790-2978483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 in einer Gesellschaft der sogenannten „Aufgeklärten" zum besten gab, dürfte hier ach Platze sein. Er sprach: „Meine Herren! In einem großen Reiche herrschte einst eine hochherzige Regentin. Infolge vieler eingelaufenea Klagen faßte sie den Entschluß, die Lage der in ein weit entferntes Küstenland verl annten Sträflinge zu untersuchen und das ihr geschilderte Elend jener Unglücklichen möglichst mildern zu lasten. Sie betraute damit einen ihr sehr ergeb enen und als wahren Menschenfreund bekannten Rat. Dieser trat seine Reise an. Er fand überall die traurigsten Zustände, aber nicht iiberall eip bereitwilliges Eingehen auf seine wohlgemeinten reformatorischen Anordnungen. Eines Tages kam er in ein von Sträflingen betriebenes Hüttenwerk, welches einige Hundert solch' unglücklicher Arbeiter beschäftigte. Aber welch elende Jammergestalten fand er da! Die Blässe des Todes lag aus ihren Zügen, und wankenden Schrittes schlotterten sie einher. Auf die Frage des Staatsrates: warum die Leute alle so verfallen aussehen? erfolgte vom Hüttendirektor die Antwort: das rühre davon her, weil sie, von Zeit zu Zeit einander ablösen, durch die Kraft ihrer Lungen die Glut des Feuers im Schmelzofen anfachen müßten! — Der Staatsrat schlug entsetzt über solche Kunde die Hände zusammen und rief: Um des Himmelswillen! Kennen Sie denn den einfachen Mechanismus eines Blasebalges nicht?" „Ein Blasebalg — was ist das?" — antwortete der Direktor. „Ich habe alljährlich so und so viel/Tausende Zentner Metalls an die Regierung abzuliefern, und da gilt es, die Leute zum strengsten Frohndienst anzuhalten. Aber es wäre mir selbst im höchsten Grade willkommen, wenn ich durch Ihre gütigen Angaben eine Einrichtung kennen lernen würde, welche die aufreibende Plage meiner Arbeiter zu ersetzen vermöchte."- Hierauf erklärte der Staatsrat, die Konstruktion und die Verwendung des Blasebalgs, und versprach auch, demnächst mehrere derselben dem Hüttenbergwerke zuzuschicken. Erfreut von dem sichtlich frohen Eindruck, den dies Versprechen auf die armen Sträfl machte, setzte er seine Reise fort. In die Hauptstadt des Reiches zurückgekehrt, erstatteis er Bericht über den Eöfolg seiner Sendung. Nach einem Jahre ging er auf Befehl seiner Fürstin abermals auf Reisen, um sich von dem Vollzüge der Verbesserungen in der Lage der Sträflinge/durch den Augenschein zu überzeugen. Nicht überall sah er digetroffenen Maßregeln verwirklicht, und er mußte hin und wieder den strengsten Tadel aussprechen. In die Ncjhe jenes Hüttenwerkes gekommen, gab er sich den angenehmste,! Erwartungen hin und glaubte dort die vollste Befriedigung zu finden. Aber zu seinem höchsten Erstaunen traf hr auch hier die alten Übelstände an. Es sah. wo möglich noch schlimmer aus, tvie bei seinem ersten Besuche. „Warum haben Oie meinem. Befehle keine Folge geleistet?" fuhr der Staatsrat den ihn empfangenden Direktor an.' „Wo sind die Blasebälge? Wozu setzen Sie die armen Arbeiter noch imsner der alten Qual und Plage aus?"