Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 259 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2970014-2970026--7787-2978480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
259 Zeit des Not und des Elends. Es erträgt wie kein anderes Volk auf Erden die härtesten Bedrückungen und grausamsten Verfolgungen mit seltener Geduld und Resignation, jemehr man eH bedruckte, desto glaubensstarker wurde es, eine Tugend, die selbst seine erbitterstejn Feinde ihm nicht streitig machen konnten. Aber nicht alle Bekenner des Judentums besitzen immer den Mut und die Kraft, die Freiheit, den Wohlstand mit derselben Geduldl'zu ertragen, ohne übermütig zu werden. „Als Jeschurun fett ward, wurde es übermütig", klagte schon der unsterbliche Lehrer Moses. Hn Egypten seufzten die Jsraliten unter dem unerträglichen Drucke der Pharaonen. Gott erhörte ihr Wehklagen und befreite sie vom Tyrannen. Sie fanden die lange angestrebttz Freiheit und zogen mit Reichtümern und Schätzen — die sie sich mit Recht als Lohn fi^r die Jahrhunderte lang den Egyptern geleisteten Dienste angeeignet — versehen, aus der!Knechtschaft Egyptens. Allein infolge der errungenen Freiheit und der erworbenen Reichtücher wurden gar viele von ihnen übermütig, wollten keine Autorität anerkennen und überhaupt von Entsagungen und Entbehrungen nichts wissen. Als sie nach Rqfidim kamen und Mangel an Wasser hatten, überhäuften sie Moses, ihren größten und edelsten Wohltäter, mit den bittersten Vorwürfen. „Es fehlt nicht mehr viel, und sie würden mich steinigen", klagte er bitter. Ja, noch mehr, in ihrem Übermute waren sie so vermessen, daß sie das Dasein Gottes des Einzig-Einen in Frage zu stellen wagten. „Gibt es einen Gott, oder nicht?" Die Antwvrt auf diese schmähliche Frage lautete: „Und etz kam Amalek". Infolge dieses gewaltigen Sturmes erinnerte sich das so sehr bedroht^ Israel seiner Pflichten und hohen Aufgaben, scharte sich um Moses und Josua, besiegte glänzend Amalek, den größten und gefährlichsten Fünd des Judentums, nnd kam dann bald zum Sinai, wo es mit wahrer Begeisterung ausgerufen: „Alles, was der Hepr gesprochen, wollen wir befolgen und beherzigen". In Persien lebten die Juden unter der Regierung des freisinnigen*) Achaschwerosch unangefpchten. Sie durften überall wohnen, Handel und Gewerbe ungestört treiben, alle BildunHsanstalten standen ihnen offen und sie erfreuten sich der vyllständigsten Freiheit und Gleichberechtigung. Infolgedessen haben sie ihre Religion vernachlässigt, verleugnet und sich hierfür die persische angeeignet. Außer Mordechai dürfte es in der Hauptstadt Susan kaum einen Juden gegeben haben, der nicht seinen jüdischen Namen, seine Abstammung und Herkunft verleugnet hätte. Daher heißt es: Einen wahrhaft frommen Juden hat es in der Residenzstadt Susan gegeben, der seinen Namen, seine Herkunft und Abstammung nicht nur nicht verleugnete, sondern sich vielmehr stolz einen Bekenner des Judentums nannte. Oie Folge war: daß Amalek wieder kam. und alle Hebel in Bewegung setzte, um das Judentum mit Stumpf und Stiel auszurotten. § *) Der Umstand, daß Achaschwerosch bei der Wahl seiner Gattin sich nicht nach deren Herkunft, Abstammung und Glaubensbekenntnis erkundigte, beweißt klar und deutlich, daß er tolerant und liberal war. 1 1