Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 257 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Als Moses den göttlichen Auftrag erhielt, nach Egypten zu gehen und das Amt eines Lehrers, Führers und Befreiers Israels anzutreten, rief ihm eine höhere Stimme zu: Dik Stätte, an-der du dich befindest, ist heilig, da wo du stehst, wo du eine segensreiche Tätigkeit entfaltest, ist der Boden heilig, der Ort wird durch den Mann, aber nicht der Mann durch den Ort verherrlicht. — Moses bat daher mit Recht vor seinem Scheiden: Gott, der Herr, cköge einen Mann an die Spitze der Gemeinde setzen, der vor-Allem infolge seiner hohen Tugenden im Stande sei, sie nach außen würdevoll zu vertreten. Und wie er nach außen durch Gelehrsamkeit und edlen Charakter glänzen, ebenso soll er hemüht sein, im Innern der Gemeinde die Kenntnis der Thora zu verbreiten, die Jugend wie die Erwachsenen für die edelsten und höchsten Güter der Menschheit, für das Ideale und wahrhaft Göttliche zu begeistern. Er muß vor Allem bestrebt sein, den Gemeinsinn in den Herzen der Mitglieder wachzurufen und rege zu erhalten, damit sie die Thora und die Träger derselben zu würdigen verstehen und für die heiligsten Institutionen des Judentums die nötigsten Opfer zu bringen bereit seien. Bescheiden, sanftmütig und liebevoll soll er seine Gemeinde leiten und führen, auf daß er sich die Liebe uyd Achtung derselben erwerbe, als die maßgebendste Autorität betrachtet werde „und die Gemeinde Gottes nicht gleiche einer Heerde, die herumirrt ohne einen Hirten". — Und in der Tat lehrt auch die Geschichte, daß in Zeiten, da es niemand in Israel gewagt, 'die Autorität der hervorragendsten Lehrer zu verletzen, in Zeiten, too die Gemeinden bereitwilligst die größten Opfer gebracht, so es galt, kenntnisreichen Männern, die sich durch Charaktergröße wie durch wahrhafte Frömmigkeit auszeichneten, das heilige Amt eines Volkslehrers zu übertragen, während unberechtigte und unbefähigte Individuen mit Entrüstung abgewiesen wurden, das Judentum trotz aller Verfolgungen, Bedrückungen felsenfest und unerschütterlich dastand; hingegen in trüben und düstern Tagen, in welchen die Thora nicht beachtet, die Verkünder des göttlichen Wortes nicht berücksichtigt wurden und Heuchler, Halbwisser, ja sogar unwissende und frömmelnde Augenverdreher, die das, was ihnen an Wissen abging, durch Heuchelei, Kriecherei, Servilismus und Byzantinismus ersetzen zu können glaubten, sich hervordrängen und eine Rolle spielen durften,! dem schönen, prachtvollen Religionsgebäude Gefahr drohte, in seinen Grundfesten erschüttert zu werden. Ein Judentum ohne Thora gleicht einem Körper ohne Seele.! Moses rief daher vor seinem Scheiden Israel zu: Siehe, ich habe euch gelehrt Gesetze sind Rechte, wie mir der Ewige, mein Gott, befohlen, d. h. mit andern Worten, was ich! euch gelehrt, ist kein Produkt meines, sondern göttlichen Geistes, beherzigt daher diese Leeren und beachtet sie, denn nur durch Wertschätzung und Verehrung der Thora und der Träger derselben werdet ihr im Stande sein, den Völkern der Erde Achtung abzugewinnen, und sie werden dann unwillkürlich ausrufen: „Wahrlich, die große Nation ist. doch! nur weise, verständig und intelligent", weil nur gebildete, edle Menschen die echte Wissenschaft zu würdigen verstehen: beherziget daher diese schönen, herrlichen