Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 250 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Bekenntnisruf, mit dem sie ihren letzten Atmenzug getan, ein: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ijft einzig". Hierauf hielt Heri Kaiserl. Rat RuSiLka folgende Ansprache: „Hochgeehrte Traujerversammlung! Nach den Ausführungen, die wir soeben gehört und die unser tiefstes Innere erschüttert haben, sagen wir uns das Eine, daß wii den Manen der so traurig Dahingeschiedenen den Tribut der Erinnerung und Menschlichkeit gezollt haben, aber auch inner anderen Empfindung noch Ausdruck geben muffen, nämlich der Überlebenden zu gedenken. Die Leidenschaften zu wecken, sei in diesem großen Kreise nicht weiter unsere Aufgabe. Die Leidenschaften sind wach genug, wenn wir die furdjt« baren Berichte lesen, die unaufhörlich von da draußen als Hiobsposten auf uns einstürmen, und wenn wir Ms das gräßliche Bild vor Augen halten, wie gemordet, geplündert, gewütet wurde. | Es geschah vor den Augen derjenigen, die den armen Oifern am allerteuersten waren, j Sie haben sich alle zu ihrem Gotte geflüchtet, an den sie immer geglaubt haben, und als in der Synagoge die Flammen über ihrem Kopfe aufzüngelten und gemordet ward angesichts ihres Gottes, da mag — die Empfindung zwingt sich uns auf — mancher Glaube an das höchste Wesen erschüttert gewesen sein. Und ihnen, die doch nichts Bch'es im Leben getan, die nur ehrlich und rechtschaffen für sich und ihre Lieben wirken! wollten, stand eine Frage in den letzten Zügen geschrieben. Wir werden den Dahingögangenen diesen Glauben nicht wieder geben. Aber den Überlebenden können wir eineif festen Glauben wieder aufrichten, den Glauben an die Me nschheit, den Glauben daran,! daß Tausende und Abertausende mit ihnen fühlen den Schmerz und Jammer, der sie geflossen und der in ihnen leider noch lange, lange nachwirken muß. Wir sehen' die russischen Brüder überall an der Spitze der Freiheitsbewegung ihr Blut vergießen für das allgemeine Wohl, für die Befreiung aus der Knechtschaft. Und nun wird ihnen dfe Rechnung gestellt — und dahin ists mit allem Freiheitssinn. Sie fallen als die ersteh bemitleidenswerten Märtyrer im Kampfe für die Befreiung der Menschheit.! , Hochgeehrte Versammlung! Wenn wir in unserem alltäglichen Leben erfahren, daß da eine Überschwemmung, dort eine Feuersbrunst Orte und Länder verheert )at, niemand von uns weigert sich, Opfer zu bringen und niemand fragt, für wen die Linderung des Leids bestimmt ist, ob für Juden oder Christen! Wenn Spitäler gebaut, Spitäler erhalten werden! sollen, niemand ( von uns fragt darnach, wem es gilt. Es gilt Menschen. So stehe! ich auf jenem Standpunkt, von dem ich ausgegangen, für die Menschlichkeit ist es, die'heute den Überlebenden gegenüber zu betätigen unsere höchste Aufgabe ist.! Es war vorgestern am Abend, da kam eine Frau aus dem Volke in die Rär me unserer „Israelitischen Allianz" und trug in der Hand ein Fünfkronenstück, das sie dem Beamten überreichte. Er nahm es, aber die. Frau blieb stehen. „Für die Russen!" und sie stand noch! immer vor ihm. Als der Beamte sie fragte, was sie noch wünsche.