Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1905)
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 239 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2970014-2970025--7762-2978454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
239 ■Referate and ^klttellangea. Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert von Moritz Steinhardt, Mainz. Joh. Wirth4che Hofbuchdruckerei A.-G. 1905. Der Verfasser führt uns in diesem äußerst interessanten Schriftchen in das Ghetto von Eisenstadt, durch Vorführung einzelner Gestalten,! aus demselben, ein. Man liest die Erzählung, die kulturgeschichtliche Bedeutung hohen, besonders darum gerne, weil der Hauch frischen Lebens über sie gebreitet ist ujnd weil sie nicht erfunden, sondern aus dem vollen Leben gegriffen sind. Möge der Verfasser die Genugtuung haben, daß er uns ein Stück Geschichte des Ghettos seiner Heimat geliefert hat, das auch allgemeines Interesse erregt, und möge er fortfahren auH dem Leben der Vergangenheit zum Nutz und Frommen der Gegenwart sein Erzählfttalent zu verwerten, wofür ihm, wenn es auch Kleinmalerei ist, die er treibt, auch! die Männer von großen Gesichtspunkten Dank wissen werden, die jeden Zug aus dem Leben der Juden bei Entwerfung eines großen Gesamtbildes gerne ins Auge fassen. — „Des Rabbi Vermächtnis." August Becker ledivivus. Von Fritz Mauthner. Verlag der K. B. Hofbuchhandlung von Eugen Crusius in Kaiserslautern, Früherer Preis Mk. 18.—, gebunden Mk. 21.—. Neue billige Volks-Ausgabe. 6 Bände broschiert Mk. 4.—, in 3 eleganten Geschenkbänden Mk. 6.—. Sicher eine^ erneuten Erfolges biirfte das Buch sein, welches mit seinen stattlichen sechs Bänden in zweiter Auflage vorliegt, nachdem es schon 1867 ein starkes, heute fast vergessenes Aufsehen erregt hatte. „Des Rabbi Vermächtnis", Roman in drei Abteilungen, ist eine Schöpfung wie aueiner fremden Welt, wenn man sich vorstellt, was ein Schriftsteller von und für heute aus dem Stoff gemacht hätte. Es berührt wie eine Idylle, daß der Dichter ganz unbefangen einen engelgleichen alten Handelsjuden zum fdealen geheimen Agenten der unglaublich verwickelten Handlung macht und daß er andererseits ebenso unbefangen einen schmutzigen Schacherer mit all seinen wahren und legendären Eigentümlichkeiten einführt. Nicht ganz so unparteiisch steht der damalige August Becker politischen Fragen gegenüber. Er ist ein energischer Adelsfeind, kühner als Spielhajgen, der den Demokraten -gewöhnlich nur liebt, wenn dieser aristokrattsche Formen angenommen hat; Becker schildert umgekehrt die Herren und Damen vom Adel erst dann ohne Ironie, wenn sie im Volke aufgehen und mit ihren Standesvorurteilen auch die zähern Standesgewohnheiten!ablegen. Wichtiger aber als die Tendenzen und Tendenzlosigkeiten von „des Rabbi Vermächtnis" dürfte für unsere Betrachtung die Stellung sein, welche dieses Buch als Kunstwerk den gegenwärtigen Bestrebungen gegenüber einnirymt. Noch viel mehr als! Spielhagens Schöpfungen ist „Des Rabbi Vermächtnis" ejin Werk der Phantasie D^an müßte es gegen Gutzkows „Ritter vom Geiste" halten, wostte man es durchaus an einer anderen deutschen Dichtung messen. Aber noch näher liegest ausländische Muster, welwe heute in den breiteren Schichten unserer Leser-