Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1905)
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 229 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 229 — Dlelrrrodierzeit im Spiegel mod«rii«r Dramen. Bon Kreisrabbiner Dr. Max Be ermann-Insterburg. In einkm stimmungsvollen Gedicht besingt Ernst Eckstein das Märchen vom Glück. Am Ätrande der Ostsee steht eine armselige Fischerhütte, darinnen fitzet die Großmutter mit dem Fischerkind und erzählt ihm von einem verwunschenen Prinzen, den eine Hose Fee in eine garstige Schlange verwandelt hatte. Nur ein Kuß von rofigem Munde konnte den Bann brechen. Ein armes Fischermädchen wagte, die Zauberfeffeln zu sprengen, Vor ihren Augen verwandelte sich der häßliche Molch in einen schönheitsstrahlenden Königssohn. Der „aber machte die Holde zu seiner Königin". Leuchtenden Blickes hat das Kind der Alten gelausc^. „Großmutter schweigt und das Spinnrad schnurrt", doch das Kind kann sich von der glänzenden Traumwelt nicht trennen: Großmutter wie schön, o wie einzig schön! Großmutter, o wäre das wahr, Großmutter, mir würde nicht bange — Wie gerne umarmt' ich die Schlange, Trotz Schauer und Todesgefahr! Wieder banges, langes Schweigen. Ein Seufzer entringt sich der Alten, ein Hauch tiefer Wehmut liegt über ihrem Antlitz, ihre Augen schimmern feucht, und lind und leis ertönt es von ihren welken Lippen: Sei stark, du zitterndeslKinderherz, Und dränge die Tränen zurück! Uns alle hat es belogen, Uns alle hat es betrogen, Das sonnige Märchen vom Glück! * * * Auch die Völker haben — nicht nur in ihrer seligen Kindheit — goldnen Träumen ihre Gemüter erschlossen, bald fühlten sich die Herzen durch rosige Hoffnung auf Glück und Erlösung erhoben, bald sahen sich ernste Geister niedergedrückt durch finstere Verzweiflung. Kein Volk hat aber so glutvoll eine Zeit des Heils herbeigesehnt wie Israel, und feine Epoche seiner Geschichte zeigte sich so tief ergriffen von den Erlösungsträumen wie das erste vor- und nachchristliche Jahrhundert, wie die Ära der Herodier. Mt schwärmerischer Andacht versenkte man fich in die Verheißung der Propheten und harrte in felsenfester Glaubenskraft ihrer baldigen herrlichen Erfüllung. Man träumte von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Iw der Tat war es eine Zeit der Verjüngung und Neugeburt, Altes erstarb, Neues setzte sich lebenskräftig durch. Kampf und Streit auf allen Gebieten, in allen Formen. Eine Periode von diesem über-