Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1905)
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Gottes — die höchste sittliche Einheit; die Würde des Menschen — ein Ringen nach dem Göttlichen. Gesagt wurde dir, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige von dir fordert! Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gotte. O laßt uns Pflegest, was wir haben, o laßt uns halten, was wir finden: Lehre und Erkenntnis als dieses Dauses köstliche Gabe! Dann gilt's auch von dem Tempel, den wir weihen: Fürwahr, Hier ist ein Gotteshaus, hier ist die Pforte des Himmels! * * * Aber Lehre ist noch kein Leben, Erkenntnis noch kein Schaffen. Die Einsicht unseres Gastes muß erst zum gottgefälligen Werk sich wandeln. Die Erleuchtung, die wir hier gewinnen, muß der Baum sein, an dem draußen die menschenbeglückende Tat als edelste Frucht reift. Dann wird das Gotteshaus erst zum Quell des Lebens. Das ist's ja, was unsere Alten meinen, da sie die sinnige Sage erzählen: Als Mose am Fuße des Sinai in grollendem Zorne die beiden Bundestafeln zu Boden schmetterte, daß sie zerbrachen, da wurden die Buchstaben des Dekalogs lebendig und stiegen aus den Krümmern empor und zogen hinaus in die Welt und drangen hinein in die Herzen der Menschen. Hört Jhr's? In die Herzen der Menschen, aus denen das Leben quillt. Religion soll Leben sein! Aber sie wird erst Leben, wenn sie Tat wird, wenn aus der Andacht der Seele und aus der Erkenntnis des Geistes das zielbewußte Schaffen herausquillt, das den Menschen dem Menschen verbindet. Wir mögen in dem Dempel noch soviel Erbauung finden, wir nrögen aus dem Gotteshause noch soviel! Belehrung schöpfen, so lange die Gesinnung nicht Handlung wird, bleibt der Gottesdienst Formendienst: Worte, nur Worte, aber kein Herz, keine Seele! Lippenfrömmigkeif, aber kein Judentum! Das Judentum will Leben, will Tat, will Gottesfurcht durch Menschenliebe. Schlagt unsere heiligen Urkunden auf, lest nach in dem Buche der Bücher! Wer wird uns dort vor die Seele gestellt? Charaktere, die unsere Vorbilder sein sollen: Menschen, die gleich uns geirrt und gefehlt, aber durch ihre gottentstammte Natur zum lauteren, sittlichen Wandel sich durchgerungen haben. Sie strauchelten, und sie richteten sich wieder auf. Das ist das Bedeutsame an unseren biblischen Helden: sie waren Mestschen wie wir. Ihr Leben war Wirklichkeit, ihre Religion war Tat. Wir können von ihnen lrernen. Und dann unsere Propheten, diese einzigartigen Charaktere in der Kulturgeschichte der Menschheit! Ihr ganzes Auftreten predigt uns: Religion ist Leben. Sie wußten sich als Träger ewiger Ideen, für die sie gekämpft und gelitten haben; ihre ganze Persönlichkeit setzsen sie d*afür ein. Gewiß, die Menschheit hat Geisleshelden aufzuweisen, die größer wa^en als unsere Propheten; gewiß wird uns von Männern berichtet, die mit mehr Schstlweisheit ihre philosophischen Begriffe von Gott und Menschen vorgetragen haben; ab^r in dem Einen sind unsere Propheten nicht übertroffen worden, in der lebensvollest Betätigung ihrer Gottesfurcht und Menschenliebe, in dem todesmutigen 1