Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1905)
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 225 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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225 wir weltentrückt auf eines Berges Gipfel ständen, und die Erde unter uns ist so nichtig und so klein. Wir sind dem Himmel nahe. Aus solcher Stimmung erwächst das Gebet. Und wenn es auch nicht in Worte sich kleidet, und wenn es auch nur stumm auf dem Grunde unserer Seele ruht, ein solches »Gebet, aus solcher Andacht geboren, packt und erhebt den ganzen Menschen. Wohl gibt es Charaktere, die von all dem nicht berührt werden. Ihr Denken und Sinnen ist nur auf das Nüchterne gerichtet, und alle Beziehungen des Lebens lösen sich ihnen in Zahlen und Formeln auf. Doch ob auch treffliche Menschen unter ihnen sein mögen, wackere Bürger und redliche Arbeiter, es fehlt ihnen das Beste, das Höchste: die Harmonie der Seele. Es fehlt ihnen die Begeisterungsfähigkeit für das Göttliche. Ihr Herz ist!kalt wie das Eisfeld des Nordens, das der leuchtende Sonnenstrahl nicht erwärmt und befruchtet. Drum l!aßt uns pflegen, was w i r haben, drum laßt uns halten, was w i r finden: Andacht im^Gemüte als dieser Stätte köstliche Gabe. Dann gilt's auch von dem Tempel, den wir weihen: Fürwahr, hier ist ein Gotteshaus, hier ist die Pforte des Himmels! * . * * Doch die Andacht ist nur eine Stimmung der Seele, und Seelenstimmungen bleiben nicht, können nicht bleiben, denn sie sind die Feiertagsstunden unseres inneren Lebens. Darum schöpft die Andacht allein des Gotteshauses Segenskraft nicht aus. Zu der Befriedigung des Herzens kommt die Anregung des Geistes. Wir sollen auch Lehre und Erkenntnis hier gewinnen. So witt's die Auffassung des Judentums von der Bestimmung des Gotteshauses. Selbst in den trübsten Zeiten sind unsere Väter dieser Anschauung treu geblieben: das Gotteshaus zugleich, ein Lehrhaus. Und die. Lehre, die uns hier gespendet, und die Erkenntnis, die uns hier vermittelt wird, sie sind geschöpft aus dem Buche der Bücher, und sie gelten dem Höchsten, dem Reinsten, dem Wesen Gottes und der Würde des Menschen. Hier wird das Wesen Gottes uns gelehrt. Nicht etwa, als ob wir mit unseren Begriffen seine Natur erschöpfen könnten! Das wäre vermesienes Beginnen! Wer kann den Einig-Einzigen je faffen und begreifen? Was hier im Gotteshause von ihm gelehrt wird, ist nur der schwache Ausdruck menschlicher Erkenntnis: das Bild des Unendlichen, wie es im Geiste des Endlichen sich spiegelt. Und ob wir's auch in glänzenden Farben malen, unsere beste Beredsamkeit, sobald sie das Wesen der Gottheit schildern will, bleibt nur ein hilfloses Stammeln. Und doch, so gering auch das, was wir von der Natur des Einzigen begreifen, im Lichte des Unendlichen sein mag, es ist viel, es ist alles für den sterblichen Menschen. Denn es ist die Summe der höchsten und reinsten sittlichen Begriffe, die unsere besten Geister verkündet haben. Gälte es nur, Gott zu erkennen, wie er draußen im All sich uns offenbart, wir brauchten