Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1905)
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 223 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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223 Wredigt zur Einweihung der neuen Synagoge . Rabbi in Bielefeld am 20. September 1905, gehalten von ner Dr. C ob lenz. Andächtige Festversammlung! Der heutige Tag ist ein Ehrentag für unsere Gemeinde. Was seitJqhren als heißer, sehnsuchtsvr ller Wunsch in uns gelebt, was wir in stillem, geräuschlosem Schaffen vorbereitet haben, nun ist's erreicht! Die Hoffnung unserer Seele ist Wirklichkeit geworden. Wir haben ein neues Gotteshaus, und wir weihen es heute dem Dienste des Herrn. Ups ist zu Mute wie dem Wanderer, der ein großes Ziel erreicht hat. Wir sind in der Seelenstimmung eines Manschen, der vollendet schaut, woran er seine beste Kraft gesetzt; und jubelnder Dank entströmt unserem Herzen, und jubelnder Dank drängt sich auf unsere Lippen: wir danken Gott, daß er uns diesen Tag hat erleben lassen'. Doch mit dem Dankeswort allein ist's nicht getan. Und ob es auch heiß und innig von unseren Lippen strömt, das Wort ist nur ein Kind des Augenblicks, und der Klang verhallt, und der Laut erstirbt, wie die Stimmung schwindet, aus der es geboren ist. Wir muffen zu dem Dankes wort die Dankes tat gesellen, wir müssen aus der Feier dieser^Stunde ein Bleibendes I für uns gewinnen. Die Äeihe des heutigen Tages muß den Gedanken in uns rege machen: nur wir selbst können das neue Gotteshaus zur dauernden Andachtsstätte gestalten. Denn der stolze Bau, den wir aufgerichtet haben, trägt nicht in sich schon seinen Wert; er wird erst dann zum Tempel des Herrn, wenn warmherzige, hochgesinnte Menschen in ihm weilen. Nicht der Ort heiligt unsere Gesinnung, sondern unsere Gesinnung heiligt den Ort. Und so kanü auch unser Gotteshaus seinen Segen nur spenden, wenn wir mit dem rechten Geiste es hetreten. Wir müssen in ihm suchen, und wir werden in ihm finden: Andacht, Lehre, Leben. Dann bringt es uns köstlichen Gewinn; dann setzen?wir den Gottesdienst, den wir hier begonnen haben, draußen fort, und unser ganzes Wijcken wird zur Dankestat vor dem Herrn. Dann gilt auch von unserem Heiligtum Pas schöne Wort, das Jakob einst gesprochen: „Wie ehrfurchtgebietend ist diese Stättt; fürwahr hier ist ein Gotteshaus, hier ist die Pforte des Himmels!" Denn unser Tempel wird uns dann zum Hause der Andacht, zur Stätte der Lehre, zum Quell des Lebens. * * Andacht ist das Sehnen des Menschen nach dem Unendlichen. Ahnen des Göttlichen in dem Gemüte des Sterblichen. Andacht ist Andacht ist das das Sichversenken