Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 ber quälendste!! und bitteren Reue bei den Schlägen des Schicksals, wenn ich ohne meine Überzeugung, nur vom äußern Schein geblendet, alle Rücksichten bei Seite setzend, übertrete,- und in den Augen der Wett als Heuchler dastehe? Wäre ich als Christ geboren, so würde ich das Christentum, so luie jetzt das Judentum, als ein mir vom Himmel verliehenes Geschenk ausgenommen, und bei meinem religiösen Gefühl auch fest und heilig bewahrt haben. Jetzt aber fehlt es mir an Kraft, mein Gewissen zu beschnüchtigen, und ich setze, trete ich freiwillig über, meine Ruhe aufs Spiel." Weuu wir den edlen Beispielen der Heiligung des göttlichen Namens auch sehr viele gegenüberstellen können, die seine Entweihung bezeichnen, so müssen wir dabei zweierlei Beweggründe unterscheiden. Die Einen handelten aus Verzweiflung, aus Augst vor dem Tode und bekundeten stets, wenn die Gefahr vorüber war durch ihre Wiederkehr ihre innere Gesinnung. Diese „Anussim", wie man die Zwangstäuflinge im Mittelalter nannte, sollten nach der Weisung so großer Lehrer wie Raschi und Maimonides nicht als Abtrünnige,- sondern als Schwächlinge betrachtet und nachsichtig beurteilt werdeu. Anders verhält es sich mit den Täuflingen, die aus Rücksicht auf Amt und Stellung den Einzig-Ewigen, den Gott Israels, verleugnenDiese begehen einen „C h i t t u l hasche m ", eine Entweihung des göttlichen Namens. Müssen nicht die christlichen Mitbürger ihre Köpfe schütteln über eine Charakterschwäche, die der Nützlichkeit die Überzeugung zum Opfer bringt, zumal, wenn mau gar mit atheistischen Anschauungen einen anderen Glauben bekennt. Diese Täuflinge können sich nicht mit den freisinnigen Christen vergleichen, da diese sich von Dogmen losgesagt haben, welche jene erst beschwören inüffen. Wer in der Religion, in welcher er geboren, sich nicht mehr zurecht findet, der denke und fühle, der spreche nnd handle, wie's ihm um's Herz ist: der lasse sich standesamtlich trauen, er erziehe seine Kinder konfessionslos, er lasse sich auf dein konfessionslosen Friedhof beerdigen, oder bestimme für sich die Feuerbestattung. Wir werden dann selbst die tiefe Wehmut bekämpfen, daß mit der Verleugnung des Judentums auch die in Israel sprichwörtlich gewordene kindliche Pietät schwindet; daß das alte schütte Wort: „sich zu seinen Väterm^egen" feilte Macht mehr ausübt, indem es gleichgiltig erscheint, in welcher Erde man ruht. Den Konfessionslosen werden wir noch immer zu entschuldigen wissen, jedoch den Abtrünnigen, der, ohne durch innere Beweggründe getrieben zu sein, einen anderen Glauben bekennt, den Vater kränkt, der für seinen Sohn das Leben hingeben möchte, auf die Mutter einen Stein wirft, die ihn unter dem Herzen getragen — wie will der zu den ,,Gräbern der Väter" wallfahren, deren letztes Wort: . Schwa' Israel! gewesen! Nur in einem Falle müssen wir den Übertritt ehren und uns vor Schmähungen hüten, in dem Falle nämlich, daß er aus reiner Überzeugung erfolgt. Die Wahrheit geht selbst über die Pietät. Allein in unserer materialistischen Zeit, gestehen wir uns das, wie selten sind Übertritte aus Überzeugung zu verzeichnen. Es gibt keinen änderen Ausweg, um nach unseren erfüllten Pflichten auch gleicher