Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 181 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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181 blickt in dieses Haus, der muß es lesen in jedem Antlitz, der muß es sehen in jedem Winkel: „Wie schön und herrlich sind dieses Hauses Räume, schön und herrlich durch den Geist des Friedens." Das Altersheim eine Stätte der Gottesfurcht! Gottesfurcht lebt in uns allen; denn in uns allen lebt Religion. So lange Menschen auf Erden wandeln, fühlen sie sich abhängig von einer höheren Macht, blicken sie empor zu einem vollkommenen Wesen. Unsere Seele stammt von oben, unsere Seele strebt nach oben. So ift's bei jedem Menschen; wir geben uns nicht selber die Gottesfurcht; sie ist uns eingeboren. Am tiefsten und reinsten aber offenbart sie sich dort, wo der Mensch in sich still geworden. Der Greis im Silberhaar hat das innigste persönliche Verhältnis zu seinem Gotte. Wer auf der Spitze des Berges steht, der ist dem Himmel am nächsten. Wohl glüht auch in uns der Gottesfunke Retigiou; wohl brennt auch in uns des Glaubens heilige Flamme, doch des Lebens Kampf lenkt unsere Seele ab. Anders der Greis! Er w a r ein Jüngling wie die, die nach uns kommen; er w"ar ein Mann wie wir, die wir'hier stehen; in seiner Jugend wollte auch er den Himmel stürmen, in seiner Kraft wollte auch er die Wett erobern; aber je älter er wurde, desto ruhiger wurde er, desto mehr hat er erfahren, tuic viel wir wollen und wie wenig wir können. Er hat die Schranken begriffen, die unserem Wirken gezogen sind. Er lernte sich bescheiden. Was der Jüngling kaum ahnt, was der Mann schon fühlt, der Greis hat's erlebt: die Ohnmacht unseres Könnens! Wir sind nichts ohne Gott; wir sind alles mit Gott! So bietet der Abend die Frucht, die am Morgen keimte und am Mittag zu reifen begann: das Leben in Gott, tiefer und inniger als wir es besitzen. Und ein solches Leben in Gott mögen auch die führen, denen dies Haus eine Heimstätte bietet. Die Greise und Greisinnen, die hier drinnen weilen, die Träger inniger Gottesfurcht! Das sei die reifste Frucht am Baume ihres Lebens. Gottesfurcht aber ringt nach Ausdruck; sie will sich kundgeben nicht nur im sittlichen Tun, sondern auch in der Andacht eines frommen Gemüts. Der Gottesfürchtige will beten, will danken, will sein Herz vor Gott ausschütten können. Und so erstand auch in unserm Altersheim als weihevollster Raum die Andachtsstätte, die alltäglich die Gläubigen in sich vereint. Da können sie beten, wie's ihnen ums Herz ist; da mögen sie bitten und danken und loben und Preisen, und jede Stunde, die sie da verleben, bringt ihrem Gotte sie noch näher. Ihrem Gott, der zugleich ist der Weltengott, der ewige, einzige, menschenbeglückende Weltengott. Ja, andächtige Festversammlung, die Gebete, die.da drinnen aus frommer Seele emporsteigen, gelten dem Herrn des Himmels und der Erde. Ihm gilt das Schmäh jisroel, das mit freudiger Zuversicht alle bekennen; ihm gilt das Gelöbnis, das sie täglich erneuen: unwandelbar ihn zu lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele; ihm gilt das Kaddischgebet, das die Greise sprechen zum ehrenden Gedächtnis der Heimgegangenen Wohltäter dieses- Hauses. Kaddisch! Wißt Ihr was