Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 und wenig Zucht und Selbstbeherrschung hervortut und welche die zu Hause niedergehaltene und unterdrückte Freiheit .hier zu sehr ungehindert entfaltete. Besonders fielen die abenteuerlichen Gestalten der Russischen Studenten und Studentinnen von Bern, Genf und Zürich mit ihrem aufgeregten und ungezügeltem Benehmen auf, bei denen Hyperkultur und Barbarismus noch unvermittelt neben einander hergehen, die dem Kongresse ein gewisses charakteristisches Gepräge gegeben. Wie heben sich doch von diesen aufgeregten, stürmischen Naturen, die kühlen, abgeklärten, nüchtern denkenden Engländer und Amerikaner ab. Auch an interessanten Gestalten fehlte es dem Kongresse nicht, welche die Aufmerksamkeit Aller auf sich lenkten. So beispielsweise eine russische Gräfin, die zum Judentume übergetreten ist, eine elegante junge Dame, die zu den enragiertesten konservativen Zionisten gehört, Frau Dr. Nordau und Frau Zangwill, die von Hause aus dem Christentume angehören und schon wegen ihrer ehelichen Verbindung mit dem Zionismus eng verwachsen sind und gar der bekannte Fanatiker Benjamin Wechsler aus Jerusalem, der sich für den Messias Sohn Davids hält und mit seinen Druckbriefen, in welchen er sich als der Erlöser proklamiert, alle Fürsten der Erde bestürmt. Äußerlich! macht dieser Pseudomessias den Eindruck eines vernünftigen, intelligenten Menschen itttb merkt man es bei näherem eingehenden Gespräche erst, daß man es mit einem Verrückten zu Lun hat, der selbst sehr erlösungsbedürftig ist. Was nun die gegenwärtigen Parteien im Zionismus anlangt, so sind besonders drei hervorzuheben: die Zione-Zionisten mit ihrem Führer M. Ussischkin aus Ekaterinoslaw, dem Haupte der Charkower Verschwörung, welcher allgemein als Anti-Herzl bezeichnet wird, der im Kongresse folgende Resolution vorschlug, die auch angenommen wurde: Der VII. Zionistenkongreß erklärt: Die Zionistische Organisation hält an dem Grundprinzipe des Baseler Programmes, das die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstrebt werde, unerschütterlich fest und lehnt — sowohl als Zweck wie als Mittel — jede kolonisatorische Tätigkeit außerhalb Palästinas und seiner nächsten Nachbarländer ab. Den Zione-Zionisten gegenüber stehen die Territorialisten, die im Kongresse in der Minderheit geblieben, welche auch andere Gebiete außer Palästina zur Besiedelung durch Juden wünschen und die jetzt im Kongresse überstimmt und unterlegen unter Israel. Zangwill eine Neuorganisation anstreben, der bereits mit dem englischen Premierminister Balfour wegen Landabtretung, wie man hört nicht ohne Erfolg, sich in Verbindung gesetzt haben soll. Die sozialistischen Zionisten endlich unter Führung Dr. Syrkins aus Berlin, der in einer Rede sogar ernstlich ein Mißtrauensvotum für Dr. Max Nordan beantragte, das stürmisch abgelehnt wurde, verlangen eine jüdische Staatenbildung, gleichgültig wo, auf sozialistischer Grundlage. Die zwischen diesen drei Hauptparteien liegenden Richtungen der Poale-Zionisten, der Kulturzionisten und andere kommen weniger in Betracht, da sie sich früher oder später zu den drei Hauptrichtungen abklären müssen, wenn sie irgendwie von Einfluß sein wollen. Nicht so ist es mit den erst in Bildung begriffenen Misrachi-Zionisten, die ihre eigentliche Führung