Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 ein anmutiger Plauderer und gemütvoller Erzähler, wurde Herzl über Nacht ein ernster Staatsmann mit großzügigen Gedanken und weitem Umblicke. Ein wohlhabender, ja man kann fast sagen ein reicher Mann, stellte er auch Alles was er hatte in den Dienst seiner Sache mit Hintansetzung sogar seiner eigenen Familie, die nach seinem Tode auf die Wohltätigkeit seines Volkes angewiesen ist, die sich trotz aller Trauerkundgebungen nicht bewährt hat. Herzl zweifelte anfangs nicht daran, daß die Reichen und Geistesadeligen dieselbe Entrüstung über die Lage der Juden und dieselbe Sehnsucht auch nach einem stolzen Geschicke empfinden würden wie er selbst und als er sich bald darin getäuscht sah, sollten der hartkämpfende Mittelstand und die notleidenden Massen die Mittet zu seinem Unternehmen liefern. Doch auch darin hatte sich Herzl bitter getäuscht, denn nur der sechzigste Teil der Gesamtjndenheit folgte seinem Rufe. So kam es, daß das jüdische Volk einen Herzl, Herzt aber kein Volk gehabt. Er war ein Staatsmann ohne Volk und Land, ein General ohne Truppen. Der Trauerkundgebung im Kasino folgte eine gottesdienstliche, mit Chorgesang eingeleitete Gedenkfeier in der Baseler Synagoge, bei der Herr Rabbiner Dr. Niemirover ans Jassy die Rede hielt, die anknüpfend an die Worte Hillels „Ein Klageruf ertönt aus Zion: Welchen Verlust haben wir erlitten" die hervorragenden Verdienste Herzl's um das Judentum und um dessen Erhaltung schilderte, auf dessen eigenen Worte hinweisend „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" „Sein Werk wird fortbestehen" so schloß der Redner „und an ihm wird sich das Prophetenwort erfüllen: „Um deinetwillen wird schlagen für Zion die Stunde der Erlösung". Ein tiefes Schluchzen ging durch die Reihen der Andächtigen als der älteste der anwesenden Rabbinen, Herr Reines aus Lida am ersten Jahrzeitstage das Kaddisch - Gebet für den geliebten unvergeßlichen Toten gesprochen und als Herr Oberkantor Kahn ans Mülhausen, der den gesanglichen Teil der Feier musterhaft leitete, das Schlußgebet in ergreifender Weise rezitierte. Damit schloß der würdige Teil des VI r. Zionisten-Kongresses, der sich zu einer tiefempfundenen Kundgebung der Trauer für den Heimgegangenen Führer gestaltete. Nicht so würdig vertiefen die Kongreßverhandtungen selbst, nachdem schon früher die starke Spannung zwischen den verschiedenen Parteien in den Vorkonferenzen allzu schroff zu Tage trat. Die sozialistischen Zionisten, welche es nicht guthießen, daß diesmal die Plätze für Gäste zu dem Preise von 20 Franken, wenn auch zu Gunsten des Nationalfonds, ausgegeben werden, veranlaßten dieserhalb eine Straßendemonstration. Borangetragen wurde das blanweiße Davidsbanner mit dem goldenen Stern und die jüdisch-sozialistische Standarte, auf blau-rotem Grunde das hebräische Wort „Zion" eingestickt, von einem jungen Parteigenossen und von einer Sozialistin, angetan mit roter Bluse. Dabei wurde eine schwermütige Melodie, das hebräische Nationallied „Hatickwoh" die Hoffnung, gesungen. Die sonst sehr wohlwollende Baseler Behörde sah sich dadurch zu einer ernsten Warnung an die Kongreßleitung veranlaßt. Die Sozialisten im Vereine