Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 133 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2970014-2970021--7640-2978328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
133 Schiller und die Juden. Bon Dr. Friedmarin Lubliuip Der Geist des großen Dichters wurde bei der Wiederkehr seines hundertsten Todestages von der gesamten Kulturwelt und nicht zum Geringsten vom Judentume gefeiert, dem er ja unwiderleglich mit seinen hohen Idealen sehr nahe verwandt ist. Bei dieser Gelegenheit ward auch wieder mehr oder weniger des besonderen Verhaltens des Dichterfürsten im Leben zu den Juden Erwähnung getan und auf dessen Doppelstellung hingewiesen, welche er in seiner „Sendung Mosis" den Juden gegenüber einnimmt. Und sie, die ja gerade bei dem so hoch idealgesinnten Schiller besonders auffallen muß, sie ist meines Erachtens noch nicht hinlänglich erklärt. Wie konnte er - so fragen wir mit Recht — einen verächtlichen Seitenblick auf die Juden werfen, er, dem wirkliche Verachtung, grundsätzliche Abneigung gegen eine große Glaubens gemeinschaft sicherlich fernstand'? — Darauf kann es nur die eine Antwort geben: Hätte er eine Geschichte der Juden bis zu seiner Zeit in einer klaren Darstellung vor Augen gehabt, wie sie heutzutage vorhanden ist, so hätte er sicherlich auch nicht einmal einen verächtlichen Seitenblick auf die damaligen Juden geworfen. Aber es stand ibm noch kein solches Werk zu Gebote, uitb er war daher diesbezüglich auf die Anschauung und das Vorurteil seiner Zeit angewiesen. Es gilt hier Ähnliches, was er einmal in einem Briefe an Jakobi zum Ausdruck gebracht hat: „Wir wollen dem Leibe nach Bürger unserer Zeit sein und bleiben, weil es nicht anders sein kann: sonst aber und dem Geiste nach ist es das Vorrecht und die Pflicht des Philosophen wie des Dichters, zu keinem Volke und zu keiner Zeit zu gehören, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes der Zeitgenosse aller Zeiten zu sein." Und von philosophischer Höhe urteilt er über die Juden ganz richtig, wenn er in dem genannten Aufsatze sagt: „Die Nation der Hebräer muß als ein wichtiges, universalhistorisches Volk erscheinen, und alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleinern und ihm Böses nachzusagen, sollten nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein". Mit diesem Urteil hat der Dichter gegen seine Zeit angekämpft, und wir haben hinreichenden Grund, ihm auch hierfür besonders als Juden dankbar zu sein. Denn wir wollen ja im Großen und Ganzen nichts mehr als Anerkennung unserer Weltmission und Bewährung der Gerechtigkeit, welche noch bis zum heutigen Tage im praktischen Leben leider nicht ganz erfüllt ist. Doch es wird der Geist des Dichterfürsten zweifellos auch in diesem Betracht ebenso siegreich werden, wie er es bereits sonst vielfach geworden ist im Laufe des, feit seinem Tode verflossenen Jahrhllnderts — zum Heile des deutschen Vaterlandes und der Menschheit.