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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-04-01 · Heft 4 (1.4.1905) · p. Seite 83

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 4 (1.4.1905)
Date
1905-04-01
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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Mc nort Menschen geschaffenen Einrichtungen in Gesellschaft und Staat sind geronnene verdichtete Gatmugserfahrnngen. Denkenden Köpfen brauchen solche Einrichtungen gar nicht von der Gloriole übersinnlicher Mächte bestrahlt zu sein und genügt zu ihrer Aufrechthalrnng und Befolgung schon der Nachweis ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit allein. So werden wir das Gewissen. den seelischen Hemmungsapparat, der als Regulator fte* Arterhaltenden im Menschengeschlecht anznsehen ist, als den Niederschlag der organisierten Gesamterfahrung eines Volkstums über das, was seiner Selbsterhaltung frommt, betrachten. Da mm aber unter verschiedenen Zeiten und Zonen unausbleiblich verschiedene Erfahrungen gemacht werden, so werden sich Sitten und Bräuche, Moden und Trachten, politische Einrichtungen und soziale Ktassenbildungen verschieden gestalten, weshalb es auch nicht für alle Völker und Zeiten gleich gültige „Gewissen" gibt. Jnchervölker haben ein anderes Gewissen als Hirten- und Jägervölker, und ackerbauende Völker haben ein anderes Gewissen als seefahrende Handelsvölker. Ter politische Aberglaube an papierene Paragraphen, an gedruckte Verordnungen, an die sakrosankte Unnntastbarkeit von „ewigen, heiligen, göttlichen" Einrichtungen, schwindet wie jeder andere Aberglauben von Tag zu Tag und wer uns heute Befehle erteilen, also als Hemmnngsvorrichtung unseres sozialen Verhaltens dienen will, darf uns kein mythologisches Answeispapier mehr zumuten, sondern es muß uns seine logische und soziologische Daseinsberechtigung knapp und klar vorlegen. Diesen Hemmungsvorschriften verdanken nur im Allgemeinen den Aufstieg vom Naturmenschen zum Kulturmenschen, und dem Gewissen in der Moral entspricht das Dogma in der Religion, das Programm in der Politik. Auch Dogmen sind religiöse Hemmungszentren, zur Verhütung von epidemisch anftretenden GefühtSanarchien. Aber weit entfernt sind wir, die sozialen Hemmungsvorschriften für alle Zeiten gelten zu lassen. Gesund sind nur jene Hemmnngsapparate, welche die Selbsterhaltnng der Gesellschaft in Wahrheit regeln, indem sie zwischen dem wilden Galoppmarsch der Utopisten des Vorwärts und den allzubehutsamen Krebsgang der Utopisten des Rückwärts ein richtig balancierendes Gleichgewicht herzustellen versuchen. Daß die Hemmnngsapparate in verschiedenen Zeiten verschiedene sind und daß es lächerlich erscheint alte überlebte für unsere Zeit unbrauchbare Hemmungsapparate als heilsam zu bezeichnen, wird jeder klar Denkende einsehen. Besonders das Judentum schleppt solche alte verrostete Hemmnngsapparate mit sich herum, die sich im Lichte der Zeit als völlig wertlos erweisen und die beseitigt werden müssen. Hier hat die heilbringende Reform mit aller Macht und Entschiedenheit'einzusetzen. Wenn es auch richtig ist, daß wir zur Regulierunff unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens kirchliche Bleigewichte und staatliche Bremsen brauchen, so werden wir es doch nicht bei gesunden! Menschenverstände für richtig halten, wenn wir einer Dampfmaschine oder Lokomotive die Hemmschuhe eines bäuerlichen Leiterwagens anhängen? Die jeweiligen Hemmungsvorschriften einer Gesellschaft einer Religionsgemeinde müssen eben ihrem augenblicklichen Kulturzustand angepaßt sein, wenn sie ihre wohltätige Kraft ausiiben sollen. Mit Verordnungen und Verfügungen, mit Legenden und Mythologien,' mit Gesetzen und Verfassungen, die ans völlig anders gearteten Gattungserfahrungen hervorgegangen sind, als die unserigen, konnten wohl unsere Vorfahren dirigiert werden, '.veil sie ihrer Erfahrung entsprachen, nicht aber können sie uns gegenüber bindende

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