Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1905)
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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r -?a - Ziffern ab, die ihm aus seiner persönlichen Erfahrung zur Verfügung stehen, was für das große Ganze nicht von Belang. Um Energie und Kraft zu entfalten, müssen wir mit der veralteten Anschauung brechen, daß wir dem Fatum unterworfen sind, genau so wie das Blatt dem Winde. Jeder Fatalismus muß auf die Tauer verstimmend, lahmend, entnervend wirken und wir verfallen, wenn wir uns ihm hingeben, den: Kismet des Moslem, dem Nitschewo des Kleinrussen, der Nirwana des Buddhismus oder dem „Gottes Wille geschehe" des resignierten Gläubigen. Fichte hat zuerst den energetischen Satz aufgestellt: Was wir Dinge nennen sind nur Produkte von Tätigkeiten, anders ausgedrückt: D a s S e i n i st ein Produkt des Tuus und die We lt als Tat, das ist das naturphilosophische Stichwort unseres Zeitalters, nach welcher die Welt kein Sein, sondern ein Sollen, keine ewige Ruhe, sondern unendliche Bewegung, keine fertige Schablone, sondern -eine unaufhörliche ''Ansgabe ist. Die Welt in uns nach dieser Anschauung nicht gegeben, sondern aufgegeben und nach der Lehre der Energetik, die in Leibnitz ihren Begrültder hat, der zugleich den universalen Optimismus als Weltanschauung verkündet, befindet sich das Universum in ruhelosem Werden, in ewigem Aufstieg, im unablässigen Fortschritt im Gegensätze zu den Neuplatoiükern, die in der Welt einen Abstieg vom Vollkommenen znm Unvollkommenen erblicken, einen "Abfall von der Reinheit und Fleckenlosigkeit des Urdaseins zur Sündhaftigkeit und Verfehlung des Naturzustandes, woraus jenes pessimistische Weltbild entstand, das während des Mittelalters das Leben verdüsterte, alles Streben vergällte, alte Zuversicht in die eigene Kraft lähmte. An Stelle kraftstrotzenden Lebens, tatensrendiger Erhebung, jugendfrischer Initiative und energiebelebter Unternehmungslust trat in Folge dessen ein flaches Heiligkeitsideal, eine blutleere Ienseitssehnsncht, ein hvpochondriicher Eckel an aller Leiblichkeit, ein hypnotisches Hinstieren ans welke Paradiesesfrenden. Wersen nur ein prüfenden Blick auf die geistigen Strömungen der Gegenwart, so werden wir es bald heranserkennen, das; unser Jahrhundert von dem Gedanken der sozialen Gleichheit beherrscht wird, wie das H>. Jahrhundert von dem nationalen, das 18. von dem politischen, das 17. von dem wissenschaftlichen, das 1<>. von dein religiösen und das 15. Jahrhundert von der künstlerischen Idee erfüllt wurde. Sehr interessant und geistvoll sind besonders die Ansführnngelt Prof. Steins über soziale Hemmuugsapparake, wonach nämlich unsere sozialen Einrichtungen und staatlichen Institutionen — in ihrem sozialpsychischem Wesen ersaßet — nichts anderes sind als Hemmungsvorrichtungen zum Schutz und zur Ansrechthaltung des Gleichgewichtes der menschlichen Gesellschaft. Überall da, wo gebietende Mächte, Autoritäten entstehen, welche dem Einzelindividium Ratschläge oder direkte Befehle für sein Verhalten erteilen. — Gott, Religionsstiftcr, Monarchen, Kirche, Staat, gesellschaftlicher Takt, Mode, Brauch, zuoberst: Verfassung — sehen wir nichts anders als soziale Hemmungsvorrichtungen zur Regelung menschlicher Unbeholfensten und Ratlosigkeit am besten zur Niederhaltuug ichsüchtiger Zwecke und lebensfeindlicher Handlungen im schlimmsten Falle. Verliert jemand seine physiologischen Hemmungsapparate, so gehört er ins Krankenhaus, büßt er seine logischen Hemmungsapparate ein, so kommt er ins Irrenhaus, geht er endlich seiner moralischen Hemmungsfunktionen des Gewissens verlustig, so wandert er ins Zuchthaus.