Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-04-01 · Heft 4 (1.4.1905) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 4 (1.4.1905)
Date
1905-04-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2970014-2970019--7575-2978261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zu Lionel. Man hat diese romantische Tragödie mir Recht ein hohes Lied genannt von der Kraft der menschlichen Seele, die siegreich über die dunklen Mächte irdischen Verlangens triumphiert. Nur einen Augenblick scheint es, als könnte die Jungfrau ihrem Gelübde untreu werden. Gleich darauf erhebt sie sich wieder zur vollen sittlichen Hoheit: „In mir ist Friede, komme, was da will, ich bin mir keiner Schwäche mehr bewußt" und besiegelt den Sieg der Pflicht über die Neigung durch ihre Verklärung im Tode: Kurz ist der Schmerz — der Verzicht auf irdisches Glück, und ewig ist die Freude — über den sittlichen Sieg. Auch sie darf mit dem Leitwort zu Schillers großem Gedichte über das menschliche Leben bekennen: Vivom voco die Lebenden rufe ich zur sittlichen Freiheit. * * * Und sie darf hinzufügen: Mortuos plaugo, ich beklage, die tot und — fürs Vaterland, denn sie ist die Verkörperung hingehender Vaterlandsliebe. Mir schwärme rischer Inbrunst liebt sie ihre Heimat, sie ist ihr das schönste Land, das die ew'gc Sonne in ihrem Laufe sieht, das Paradies der Länder, das Gott liebt wie den Apfel seines Auges. In warmer Begeisterung schlägt ihr Herz für den königlichen Landesvater : „Der König, der die Trift beschützt und fruchtbar Macht die Erde, der die Leibeignen in die Freiheit führt. Der dem Schwachen beisteht und den Bösen schreckt Der den Neid nicht kennt — denn er ist der Größte, Der ein Mensch ist und ein Engel des Erbarmens Ans der feindlichen Erde, denn der Thron der Könige. Der vom Golde schimmert, ist ein Obdach der Verlassenen." Ist das Vaterland in 'Not, dann gesellt sich auch die Frau zu dem kriegerischen Manne, auch ihr ruft in der Brust eine Gottesskimme: Rette dein Vaterland, wie Debora und Judith einst in Israel. Es liegt schon darin eine Tragik, wenn, das Weib, die Botin des Friedens, zum Dämon des Kampfes wird, wie erst, wenn sie, wie Schillers Heldenjnngfran, von irdischer Liebe frei, ganz dem Wasfenwerke leben muß. Nach kurzer Versuchung opfert Johanna ihre Liebesneigung ans dem Altar des Vaterlandes uttd ruft dem geliebten Lionel zu: „Du bist der Feind mir, der Verhaßte meines Voltes Nichts kann gemein sein zwischen dir und mir. Nicht lieben kann ich dich, wenn dein Herz Sich zu mir neigt, so laß es Segen bringen Für unsre Volkes." Über dem Stück liegt das mystische Halbdunkel des mittelalterlichen Wunderglaubens, in lichte Tageshelle führt das andere Hochlied auf die Liebe zum Baterlande, Wilhelm Tell. Es ist ein ergreifender Anblick, diese Schweizer, die zur nächtlichen stunde ans dem Rütli zum Treuschwnr fürs Vaterland sich zusammen finden: „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben! Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.