Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1905)
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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deklamieren: „Tie Freiheit brütet Kolosse au*", so ist darum seine Kriegserklärung gegen die bestehenden politischen Verhältnisse nicht minder entschieden. Verrinn, der Heros der Freiheit im Stück, ist ein Brutus mit ungebrochenem an das nervige Altertum gemahnenden Heldenmut. Und was er sagt, hat Schiller so oder ähnlich gewiß damals seinen Freunden oft gestanden, als der Truck des Stuttgarter Despotismus schier unerträglich auf ihm lastete. In dem bürgerlichen Trauerspiel Kabale und Liebe stellt der Dichter neben die Forderung der politischen, die der sozialen Befreiung. ö* ist ein stammender Protest gegen den Kastengeist, gegen die Überhebung der oberen und gegen den Knechtssinn der unteren Stände, gegen die Schranken, die sich ganz gegen den Willen der Natur zwischen hoch und niedrig aufgetürmt haben. „Laß doch sehen," sagt der adlige Ferdinand zu seiner Geliebten, dem armen Bürgermädchen, „ob mein Adelsbrief älter ist als der Riß zum unendlichen Weltall, ob mein Wappen gültiger ist als die Handschrift des Himmels in Louisens Augen: dieses Weib ist für diesen Mann." Mitten hinein in die engen und gedrückten Verhältnisse der deutschen Kteinstaatenwett läßt der Dichter seinen kraftvollen Ruf zur Abschüttelung der schimpflichen Knechtschaft ertönen. Roch einmal predigt der Dichter den unbeschränkten Freiheitsidealismus im Don Earloe. In stolzer Pracht der Sprache kämpft hier der abstrakte Freiheitsheld Marquis v. Posa mit seinen: glühenden Pathos gegen die knechtenden Mächte in Staat und Kirche und fordert Gewissensfreiheit, freilich in dem Bewußtsein, daß die Zeit für seine Ideale noch nicht reif sei — „ein Bürger derer, die da kommen werden." Allmählich vertieft der Dichter seine Auffassung von dem Freibeitsproblem. Nicht mehr nach der revolutionären Doktrin des fontrat s .ciai. sondern im geschichtlich bedingten Sinn tritt uns der Freiheitsgedanke in Wilhelm Dell entgegen. Freiheit ist nicht Zügellosigkeit. „Denn herrenlos ist auch der . Freiste nicht. Ein Oberhaupt muß sein, ein höchster Richter, Wo man das Recht mag schöpfen in dem Streit." Demosthenes denkt auch Schiller treu seinem Jugendtraum: daß es für freie Männer kein größeres Unglück gibt als Verlust der Freiheit. Aber die Freiheit ist ihm jetzt die Möglichkeit für ein Volk, die nationale Eigenart zu entfalten. Er reinigt seine Freiheitsvorstellung von dem revolutionären Beisatz und schildert in seinem kunstvollsten und doch volkstümlichsten Gedichte „Das Lied von der Glocke" die Verheerung, welche die fatsch verstandene Freiheit anrichtet: „Nichts Heiliges ist mehr, es lösen Sich alle Bande frommer Scheu, Das Gute räumt den Platz dem Bösen, Und alle Laster zvatten frei." Der wahren Freiheit Vorbedingung ist ihm die innere sittliche Gebundenheit. Die Wurzel der Freiheit ist Selbstüberwindung, Gehorsam gegen das Sittengebot. Die Neigung dem Gesetze zu unterjochen ist ein rechter Freiheitskampf. Im „Wallenstein" ringt der Widerstreit zwischen Freundschaft und Pflichttreue in Max nach Lösung. In der Jungfrau von Orleans kämpft das Pflichtgebot der Keuschheit gegen die Neigung