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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-03-01 · Heft 3 (1.3.1905) · p. Seite 62

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 3 (1.3.1905)
Date
1905-03-01
Page
Seite 62 (sequence 14)
Language
German
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62 entsprechende K onfirmationsfeier in der Muttersprache ab und behalten die durchaus ungeeignete Barmizw ah-Feier bei. Auch hier zeigt sich wieder, wie das unbewußt nationale Empfinden einer alten jüdischen Volkssitte vor einer wesentlich angemesseneren jüngeren Institution, die nicht jüdisch-nationalen Ursprungs ist, den Vorzug gibt. Die Zahl der angeführten Beispiele ließe sich noch vermehren: indessen tutrb jeder Unbefangene schon aus dem vorstehenden Material die Ueberzengung gewinnen müssen, daß der Zionismus nicht nur als geschlossene Weltanschauung auftritt, sondern auch in mannigfachen religiösen Bräuchen fortlebt, die als Ueberreste alter nationaler Sitten sich uns darstellen und mit dem eigentlichen Kern des Judentunis nichts zu tun haben. Die Träger des Liberalismus in unserer Religionsgemeinschaft haben gegenüber solchen Erscheinungen die Pflicht, für die fortschreitende Entwicklung in den äußeren formen unseres religiösen Lebens kraftvoll-einzutreten und dadurch zielbewußt auf eine Läuterung unseres Ceremoniells hinzuarbeiten. Man könnte hier freilich einwenden, daß auch der Katholizismus insbesondere in seinen! Gottesdienste mannigfache' Bräuche aufzurveisen habe, die dein deutschen Wesen fremd sind und jeden Andersgläubigen eigenartig beriihren. Was aber den Katholiken recht sei, das müsse uns Juden billig sein. Wolle man dort die besondere Eigenart gelten lassen, dann müsse man sie auch hier anerkennen. Indessen lehne ich einen solchen Vergleich prinzipiell ab. Die katholische Kirche gibt überhaupt in religiösen Fragen die Möglichkeit einer Entwicklung nicht zu. Sie will eine in sich vollendete Institution darstellen, die nach keiner Richtung hin der Läuterung bedarf und also auch nicht umgestaltet werden kann. >Das ist dieselbe Auffassung, wie sie bei der jüdischen Orthodoxie herrscht, und u n s e r e O r t h o d o x e n haben demgemäß auch ein gutes Recht, sich auf den K a t h o l i z i s m u s . a l s eine parallele E r sch e i nu ng außerhalb des Judentums zu berufen, denn sie selber vertreten ja die katholische Richtung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Die Liberalen aber wollen diese Richtung bekämpfen: sie treten als ihre grundsätzlichen Gegner auf und huldigen einer anderen Weltanschauung. Da ist es denn doch wohl unstatthaft, sich auf den Katholizismus zu beziehen. Ich kann nicht eine Weltanschauung verneinen und dieselbe Weltanschauung zugleich als Muster und Vorbild hinstellen. Das wäre ein Widerspruch in sich selbst. Wollen wir überhaupt Vergleiche von außen heranziehen, dann erscheint es viel angemessener, auf den Protestantismus hinzuweisen, der grundsätzlich die Entwicklung der Religion anerkennt und in dieser Auffassung dem liberalen Judentum außerordentlich nahe steht. Auf dem Gebiete der Bibelkritik haben wir uns daran gewöhnt, in den protestantischen Gelehrten die eigentlichen Bannerträger der Wissenschaft zu sehen, denen wir manches zu danken haben. Ich glaube, auch für die aufsteigende Entwicklung des religiösen Lebens können wir von ihnen lernen. Geradezu typisch ist in dieser Beziehung das Verhalten s der führenden Kreise des kirchlichen Liberalismus aus Anlaß des Falles Fischer. Der freisinnige Berliner Pfarrer D. Fischer hatte bekanntlich anfangs Januar auf dem Protestantentage einen Vortrag gehalten, in welchem er ausdrücklich betonte, daß er jede C h r i st u s - A n b e t u n g verwerfe.

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