Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61 Periode auch einmal die nationale Sprache unserer Väter war. Ich meine, auch hier wäre es wirklich an der Zeit, mit den unbewußt nationalen Vorstellungen aufzuräumen. Die Vertreter des religiösen Freisinns haben die Pflicht, nicht bloß theoretisch den Gedanken zu vertreten, daß nur das Gebet in der Muttersprache dem Herzensbedürfnis der Betenden entspricht, sondern auch praktisch diesem Gedanken zum Siege zu verhelfen. Als ein geradezu klassischer Beweis für das unbewußt nationale Empfinden, das selbst in vielen liberalen Juden noch lebt, erscheint mir die Stellungnahme der freisinnigen Elemente zur B a r m i z w a h - F e i e r einerseits und zur Konfirmation der Knaben und Mädchen andererseits. Gewiß wird niemand bestreiten wollen, daß die Barmizwah - Feier ihrem ganzen Wesen nach orientalischen Anschauungen entspricht. Die Erhebung des 13jährigen Knaben znm „Sohn des Gesetzes" hat nur Sinn, wenn man die Frühreife der Menschen in den Ländern des Orients in Betracht zieht: für unsere deutschen Verhältnisse paßt diese Altersgrenze nicht. Und dann: wie wenig ist die ganze Art der Feier geeignet, auf den Knaben eine nachhaltige Wirkung auszuüben. Trotzdem ist bis heute jeder Versuch der Reform auf diesem Gebiete kläglich gescheitert. Weder kann man sich dazu verstehen, die Feier hinauszuschieben, bis der Knabe reifer geworden ist, noch will man dieselbe umgestalten. Dabei fühlen alle das absolut Unangemessene, das mit Rücksicht auf unsere westeuropäischen Verhältnisse in dem ganzen Vorgänge liegt: und doch läßt auch der freisinnige Jude seinen Sohn Barmizwah werden. Anders ist's mit der Konfirmation, die zuerst im Jahre 1H17 in Berlin abgehalten wurde. Dieselbe sollte nicht nur bei den Knaben erst in einem reiferen Lebensalter stattfinden, sondern auch der religiösen Erziehung der Mädchen einen würdigen Abschluß geben, der ihnen durch das jüdische Gesetz bis dahin naturgemäß versagt war. Die Vorbereitung zu dieser Feier umfaßte bei Knaben und Mädchen das ganze Gebiet des religiösen Lehrstoffes und nahm viele Monate in Anspruch. Der Akt selbst gestaltete sich, da Prüfung und Bekenntnis vor der versammelten Gemeinde in deutscher Sprache abgelegt wurden, zu einem außerordentlich feierlichen und würdigen Ereignis im Gemeindeleben, an dem die ganze Gemeinde den innigsten Anteil nahm. In dieser Form wurde dann die Konfirmation von den liberalen Rabbinern des vorigen Jahrhunderts ausgenommen und als wirksame Ergänzung der Barmizwah - Feier in allen größeren Städten eingeführt. Es war somit allen denen, die es mit der religiösen Erziehung ihrer Kinder ernst nahmen, im Sinne der die westeuropäischen Juden beherrschenden modernen Anschauungen eine vortreffliche Gelegenheit geboten, die religiöse Erziehungsarbeit durch eine nachhaltig wirkende Feier auch äußerlich harmonisch abzuschließen. Und doch, welch klägliches Fiasko hat die Konfirmationsseier bei den freisinnigen Juden gemacht! Kaum zwei Prozent der Knaben und Mädchen werden konfirmiert. Einzelne Großgemeinden wie Hannover und Köln kennen die Feier überhaupt nicht; bei anderen ist die Beteiligung an derselben eine so minimale,, daß sie gar nicht in Betracht kommt. Die jüdische Gemeinde in Berlin z. B. hat heute 90000 Seelen, und noch keine 100 Kinder werden dort jährlich konfirmiert. So lehnen selbst liberale Juden die unserem deutschen Wesen