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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-03-01 · Heft 3 (1.3.1905) · p. Seite 60

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 3 (1.3.1905)
Date
1905-03-01
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 Wenn man gegenüber dieser durchaus einleuchtenden und besonnenen Auffassung des Speiserituals immer wieder auf die erhebliche Wirkung desselben hinznweisen sucht, wie es von manchen liberalen Rabbinern isi ihrer Verlegenheit geschieht, so wirkt ein derartiges Verhalten auf den Gebildeten, fast mochte ich sagen, komisch. Mit solchen Gründen lassen sich überlebte Gesetze heute nicht mehr verteidigen. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Bezug auf die Stellung, welche die h e b r ä - ische Sprache im jüdischen Kultus einnimmt. Zweifellos läßt auch hier ein unbewußt nationales Denken selbst liberal gesinnte jüdische Kreise prinzipiell das Hebräische als Gebetsprache festhalten. Es, lebt vielen Inden im Gefühle, daß sie in dem Hebräischen nicht nur ihre Gebetsprache verteidigen, sondern die Muttersprache ihrer Väter, die einst in Palästina gesprochen wurde. Daraus erklärt sich wohl auch die Tatsache, daß die hebräische Sprache schlechtweg die „heilige" genannt wird. Der Inhalt der in dieser Sprache abgefaßten biblischen Gesetze und Erzählungen allein rechtfertigt diese Bezeichnung keineswegs, selbst wenn man mit der Orthodoxie annehmen wollte, Gott habe die Gesetze in dieser Sprache gegeben. Auch die christliche Kirche hat niemals die griechische Sprache als eine „heilige" bezeichnet, obwohl das ganze Neue Testament in ihr nredergeschrieben nmrde. Heilig wird die Sprache für eine Gemeinschaft erst dann, wenn man sie liebt mit der ganzen Glut des nationalen Empfindens. Nur so erklärt' sichU daß der Gottesdienst auch der modernen Juden fast durchweg in hebräischer Sprache abgehalten wird, und daß die überzeugende Wahrheit, nur in der Muttersprache könne man brünstig zu seinem Gotte beten, selbst bei den westeuropäischen Juden fast keinen Boden gewinnt. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß unsere deutschen Glaubensgenossen so wenig Verständnis für das bekunden, was ein kerndeutscher Dichter, Max v. Schenkendorf, von seiner Muttersprache so innig zu rühmen weiß: „Ueberall weht Gottes Hauch, Heilig ist wohl mancher Braüch. Aber soll ich beten, danken, Geb' ich meine Liebe kund, Meine seligsten! Gedanken Sprech' ich, wi^ der Mutter Muild."! . ' I i - Man denke nur an die freisinnigsten Gemeinden Deutschlands, die in mancher Beziehung schon dem Zeitgeiste Rechnung getragen haben: die deutsche Muttersprache zur Sprache ihres Gottesdienstes zu erheben, haben sie bis jetzt noch nicht vermocht. Was auf diesem Gebiete bis heute erreicht worden ist, das sind nur unbedeutende Zugeständnisse, die der Zeitgeist sich mühsam erkämpfen mußte, und es bleibt ein Zeichen des unbewußt nationalen Gefühls, das auch in liberalen Juden lebt, wenn dieselben beispielsweise am Versöhnungstage lieber stundenlang unverstandene Gebete in fremder Sprache recitieren. als daß sie, der Forderung des gesunden Menschenverstandes nachgebend, in ihrer Muttersprache an ihren Gott sich wenden. Ja, so weit geht sogar dies unbewußt nationale Gefühlsleben, daß man zwar die deutsche Sprache als Gebetsprache bekämpft, aber die vereinzelten aramäischen Stücke des Gebetbuches stillschweigend gelten läßt, weil eben diese Sprache in der nachexilischen

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