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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-03-01 · Heft 3 (1.3.1905) · p. Seite 59

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 3 (1.3.1905)
Date
1905-03-01
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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59 7 Nun hat freilich Martin Schreiner in seinem im Jahre 1902 erschienenen Buche: „Die jüngsten Urteile über das Judentum" S. 72 in einer Polemik gegen Paul de Lagarde gesagt: „Man mag icker diese Fragen lSpeisegesetz u. dergtO denken wie man will, daß sie zum Wesen des Judentums gehören, hat seit Ia'adja noch kein jüdischer Denker behauptet". Das mag buchstäblich genommen richtig sein, aber die nüchternen Tatsachen stehen damit im schroffsten Widerspruch. Nicht nur, daß heute noch bei Rabbinatsprüfungen das Speisegesetz einen sehr breiten Raum einnimmt, was bereits Abraham Geiger aufs lebhafteste beklagt hat, auch in ihrer praktischen Tätigkeit dürfen nur vereinzelte deutsche Rabbiner' auf Grund ihrer unabhängigen Stellung es wagen, das Speisegesetz öffentlich zu bekämpfen. .Wie sollte das möglich sein, wenn man dasselbe nicht wirklich offiziell als zum Wesen des Judentums gehörig betrachtet! Ich meine, es wäre ehrlicher, zuzugeben, daß das Speiseritual heute noch das offizielle Judentum beherrscht, daß aber seine Beseitigung anzustreben sei, als in der Oeffentlichkeit es je nach Bedarf bald zu verleugnen, bald mit unbeugsamer Strenge festzuhalten. Das ist das Doppelgesicht, das unser Bekenntnis zeigt: wir verlangen auf der einen Seite die unbedingte Aufrechter halt u n g des C e r e m o n i e l l s: sobald man u n s dann aber auf der. anderen Seite den d u r ch a u s berechtigten B o r w u r s m a ch t, das Judentum sei viel zu sehr äußere F o r m eure l i g i o n , dann t n it w i r entrüstet und st e t l e n geschäftig das C e r e m o n i e l l als etwas absolut Unwesentliches hin, i n d e m wir zugleich den prophetischen Charakter unserer Lehre und die w e l t ü b e r wi nd e nd e Bedeutung unseres ethischen M o n o t h e i s m u s als alleinige Wesenheit des Judentums bezeichnen. Diese Unehrlichkeit muß überwunden werden. Entweder wir halten das Speiseritual mit peinlicher Genauigkeit nicht nur offiziell, sondern auch tatsächlich und betonen dann auch wahrheitsgemäß seine Bedeutung für das moderne Judentum, oder wir haben den Mut, es öffentlich unbedingt fallen zu lassen, wie es in Wirklichkeit von der überwiegenden Mehrzahl längst preisgegeben ist. Ein Versteckspiel, wie es heute vielfach beliebt wird, ist unwürdig und gereicht uns nicht zur Ehre. Ich persönlich stimme betreffs des Speisegesetzes der Auffassung zu, die Eduard v. Hartmann in seinem Buche: „Das Judentum in Gegenwart und Zukunft" S. 39 f. ausspricht, ohne mich im übrigen mit seinem prinzipiellen Standpunkt irgendwie zu identifizieren: „Gerade in unserer-Zeit, uw wegen der wachsenden Obsoletheit der christlichen Dogmen auch der Jndifferentismus gegen alles Dogmatische in den Religionen beständig wächst, würden auch die Streitigkeiten über die Einpersönlichkeit oder Dreipersönlichkeit Gottes.unmöglich im Stande sein, jüdische und christliche Kreise des Volkes gegen einander zu erregen. Dagegen ist es eine immer von neuem sich sinnenfällig aufdrängende Schranke, daß.... die Juden durch ihre religiöse Sitte verhindert sind, als Gäste ihrer christlichen Mitblirger an deren gesundheitsgemäß bereiteten Mahlzeiten t e i t z u n e h m e u. Daß die religiösen Vorschriften des Ceremonialgesetzes auf keine Weise ihrem Inhalt nach durch die religiösen Grundwahrheiten des jüdischen Glaubens bestimmt und bedingt sind, dürfte unbestritten sein".

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