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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-03-01 · Heft 3 (1.3.1905) · p. Seite 58

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 3 (1.3.1905)
Date
1905-03-01
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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5$ alten jüdischen, oder genauer gesagt, semitischen Bolkssitte wurzelt. Freilich wird es noch geraume Zeit dauern, bis selbst die freisinnigen Elemente unserer Gemeinschaft sich dazu entschließen werden, die Konsequenz aus dieser Erkenntnis zu ziehen. Das Ghettoleben, das unsere Väter jahrhundertelang von der Außenwelt abschloß und das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit in ihnen wach erhielt, wirkt heute noch in solchem Maße nach, daß auch liberale Kreise sich in ihren religiösen Anschauungen von dem Banne unbewußt nationalen Empfindens nicht ganz frei zu machen vermögen. Es gibt z. B. aufgeklärte Inden, die bereitwillig zugeben, das; die Bibel nicht Gottes Wort, sondern M e n s ch e n w e r k ist, aber die offizielle Preisgabe des S p e L s e g e s e tz e s würden sie als ein Verbrechen am Judentum betrachten. Moderne jüdische Theologen leugnen freimütig die Offenbarung am Sinai wie überhaupt die Verbalinspiration der Propheten, und ihre Gemeinden finden sich mit diesem Standpunkte ab, aber die Uebertretung des um vieles unwichtigeren Speisegesetzes würde ihnen als ein Frevel erscheinen. Diese Tatsache ist fast unverständlich, und doch löst sich der Widerspruch ohne weiteres, wenn man das Ganze vom Standpunkt des jüdischen N a t i o n a l g e s ii h l s ans betrachtet. Die Verneinung der sinaitischen Offenbarung ist bloß eine Ablehnung jenes wunderreichen äußeren Vorgangs am Sinai, den die Thora im 2. Buche Mose erzählt. Der Inhalt des Dekalogs und der übrigen der Sinaioffenbarnng zugeschriebenen Gesetze wird nicht davon berührt; der bleibt auch nach der Ablehnung des äußeren Vorgangs Eigentum der jüdischen Gemeinschaft, weil er als ein Erzeugnis der jüdischen Volksseele sich darstellt. Das jüdische Nationalgefühl erfährt also durch die Leugnung jener Erzählung keine Einbuße, sondern eher noch eine Steigerung: darum nimmt man die Ablehnung der Offenbarungsgeschichte schließlich ruhig hin. Anders aber ist es bei der Preisgabe des Speisegesetzes. Wird dasselbe einmal aufgegeben, so geht d a m i t e i n wesentliches Stück der besonderen j ü d i s ch e n Eigenart für immer verloren. Und das gerade wollen unbewußt viele selbst unter den liberalen Juden verhüten; sie fürchten, ans der Beseitigung dieser einen jüdischen Besonderheit könnte allmählich eine Abnahme des jüdischen Bewußtseins überhaupt resultieren, die den Fortbestand des Judentums am Ende gefährde. Eine solche Furcht aber ist im Grunde nichts anderes als der Ausfluß nationalen Empfindens. Denn religiöse Gesinnung ^ann hier nicht entscheidend mitsprechen, da nicht einzusehen ist, was der ethische Monotheismus mit dem Speisegesetz zu tun hat. Letzteres wurzelt in palästinensisch-örtlichen Anschauungen, wie sie heute noch bei anderen semitischen Volksstümmen im Orient Geltung haben, der ethische Monotheismus aber ist ein universeller Gedanke von so erhabener Größe, daß es geradezu lächerlich erscheint, ihn mit dem Speiseg esetz in Verbindung zu bringe^. Muß das einmal zugegeben werden — und kein denkender Mensch kann es bestreiten — dann ist es wirklich hohe Zeit, mit dem Speisegesetz als einem wesentlichen Bestandteile des offiziellen Judentums aufzuräumen. Das Speisegesetz preisgeben, heißt im Grunde nichts anderes, als eine jüdisch-nationale Eigenart preisgeben, möge sie nun bewußt als solche erkannt oder nur unbewußt von der jüdischen Gemeinschaft geübt werden.

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