Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Zur Lebsmpfuug «irr uubevutzt nationalen im (Mfiblsleben der modernen luden. Von Rabbiner Dr. Coblenz, Bielefeld. Ter Zionismus ist zweifellos eine der beachtenswertesten Erscheinungen des modernen Judentums. Schon die einfache Tatsache, daß viele geistig hochstehende Juden sich zu seinen Borkämpfern aufgeworfen haben, erhebt ihn zu einer Bewegung, an der man nicht so ohne weiteres vorübergehen kann, freilich werden die deutschen Juden in ihrer großen Mehrheit ihn immer ab lehnen, weil sie in dem Zionismus den gefährlichsten Feind ihres deutsch-nationalen Empfindens erblicken müssen, und von diesem (Gesichtspunkte aus dürfte das Urteil Ludwig Geigers, das er in einem Aufsätze: „Tie deutsche Literatur und der Zionismus" «Kölnische Zeitung vom 22. Januar 1905) ausgesprochen hat, in den weitesten Kreisen der deutschen Juden unbedingte Zustimmung finden: „Ter Zionismus ist dem Teutschtum gefährlich wie die Sozialdemokratie und der Ultramontanismus. Er hat von beiden etwas: von jener den Radikalismus, von diesem das Jenseitige, das Ersehnen eines Vaterlandes allster dem ihm durch Sprache und Art zugehörigen.Jedes Verlangen, mit seinen Glaubensbrüdern ein Volk zu bilden außerhalb Deutschlands, ist, ganz abgesehen von seiner Undurchführbarkeit und von der prassen Undankbarkeit gegen die Nation, in deren Mitte er lebt, ein Wahn: denn der deutsche Jude ist seiner Bolkseigentümlichkeit nach ein Deutscher, -und Zion ist slir ihn das Land der Vergangenheit, nicht der Zukunft." Diese Sätze werden sicher die unbedingte Zustimmung des weitaus größten Teiles der deutschen Juden finden. Ich meine aber, wir müßten lioch einen Schritt weiter gehen unb den Mut haben, die Konsequenz aus biefem Standpunkte zu ziehen. Es ist nicht genug, daß wir dem Zionismus als g e s ch l o s s e ll e r Weltanschauung den Absagebrief erteilen, unser Kampf hat sich auch gegeu die Ueberreste jüdisch-nationaler Eigenart zu richten, die unbewußt auch bei vielen liberalen Juden Westeuropas vorhanden sind lind ausschließlich auf religiösem Gebiet hervortreten. Indem ich das sage, behaupte ich nichts Geringeres, als daß zahlreiche eeremonielle Vorschriften unserer Glaubensgemeinschaft im Grunde keinen religiösen, sondern einen nationalen Charakter tragen. Sie haben sich allmählich aus alten jüdischen B o l k s s i t t e n Heralls entwickelt, unb ihr jüdischnationaler Charakter lvird überall dort als erwiesen gelten müssen, wo sie unserm deutschen Denken und Empfinden fremd sind und dllrch die zum Teil noch heute herrschenden V o l k s s i t t c n semitischer S t ä m m e des Srients belegt w e r d e n können. In allen solchen Fällen aber bedeutet ihre Entfernung aus dem jüdischen Religionsgesetze nicht nur keine Schädigung des religiösen Gehaltes, der unserm Bekenntnis innewohnt, sondern geradezu eine Befreiung von nationalen Eigenheiten, die mit dem Wesen des Judentums nichts gemein haben. Das gilt in erster Linie von dem Speisegesetz, das zweifellos in einer