Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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5 2 dient dem Guten nicht, weil O^Lohn von ihm erwartet, sondern weil er den Lohn schon in demselben findet. . Gilt doch auch von unserer Lehre das Wort, daß sie wohl ein Gut sei, ererbt von. unseren Vätern, aber dazu bestimmt, erst erworben zu werden, um sie zu besitzen. -Und so ist auch das Epitheton der Hartnäckigkeit, welches die Thora ihren beharrlichen Verteidigern beilegt, eher ein Titel, als ein Tadel. Und der Keim dieser beharrlichen Treue des Judentums, er wurzelt tief im Monotheismus, in seinem Gottesbegriff. Diesen definirt der gelehrte Oberrabbiner Wiens, Dr. G ü d e m a n n in seiner gediegenen Schrift: „Das Judentum in seinen Grundzügen" 118) folgendermaßen: „Das für die Erkenntnis Gottes empfängliche Auge hatte das Volk Israel von Gott empfangen . . seine großen Lehrer und seine eigenen Erfahrungen haben dieses Auge geschult und endlich hat das Volk auch die moralische Kraft gewonnen, die erkannte Wahrheit zu behaupten . . Deshalb darf man die siegreiche Aufrichtung des Monotheismus als ein Verdienst der israelitischen Gesamtheit bezeichnen." Der Monotheismus ist somit der lebendige, klare Blick für Gottes Dasein. Er ist nicht das Unnatürliche, sondern das Naturgemäße des Menschen. Das Menschenauge kann diesen Blick oft verlieren, aber es muß ihn immer wieder finden. Philosophisch ausgedrückt: Er ist das unmittelbare Verhältnis des Subjektes zum Absoluten. Er ist uns überliefert, aber auch wir sind ihm unentrinnbar überliefert. Und dieser Monotheismus ist es, der ein Erbteil unseres Stammes bildet. Sonstige ephemere Güter hat er nicht für uns übrig. Ties ist unfev Nationalgut, das sich uns von Geschlecht auf Geschlecht vererbt. Das Judentum kann es nicht verleugnen, es wäre denn auf Kosten seiner Seelen-, seiner Gewissens-, seiner Gemütsruhe. Mit diesem Bewußtsein von Gott ist es alles, ohüe dasselbe ein Nichts, ein Schatten, ein Scheinen. Wenn in Hellas die Ideen des Schönen, in der mächtigen Roma der abgekürzte Ausdruck, die Verkörperung des starren Rechtes, in Phönicien der Handel, im baukundigen Ägypten die Kunst der Technik Verlebendigung gefunden, so ist das Judentum der Träger des Gottesgedankens per exeelle^ee. Das was jedes Menschenherz in Freud oder Leid hinan zu jenen unbekannten Höhen lenkt, zu jenem Wesen, von dem doch jedes Sterblichen unverlierbare Ahnung glaubt, daß es über einige Welten waltet, das ist jüdischer Monotheismus, das ist das so Charakteristische für das Wesen des I nd e n tu me s. *) * * * Und trotzdem, oder sagen wir besser eben darum gibt es keine Scheidewand auf Erden, die uns sozial, gesellschaftlich von anderen Menschen trennen könnte, weil eben dieses höchste göttliche Ideal die Wurzel des edelsten Menschentums ist und bleibt. Ist doch, wenn wir genau znsehen, das weltumfassende und weltenverbrüdernde Streben der modernen Gesellschaft, welches die Bundesstaaten an Stelle der beschränkten, kleinlichen Staatenbunde setzt, ist es doch, genau besehen, unser Streben: Die Einigung des Menschengeschlechtes unter dem Banner der Kultur. Tie moralischen und die rechtlichen Qualitäten der Gesellschaft, es sind die unserigen. Das behaupten wir nicht als einen frommen Wunsch unserer aufdringlichen Anbiederung, das ist heute ein Axiom jedes Gebildeten, der nur halbwegs über den Wert der Bibel sich orientirt hat. *) Berg!, d. Verfass. „Das Wesen des Judentums", Frankfurt a. M., Kauffmann 1904,3.615