Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 46 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Herz, und er mußte da an ihre kosende Stimme denken, an den trauten Wohllaut ihrer süßen Sprache, wenn sie ihm verschämt zuflüstern würde: „Baruch Spinoza, ich bin dir gut!" Der Ausgestoßene der Gesellschaft blickte auf zum nächtlichen Himmel, als wollte er die einzelnen Sterne zählen, die in demantner Helle zu ihm herniederschimmerteu; er ließ dann den müden Blick auf ihrem Fenster ruhen, ob nicht hinter dem grünen Epheu, der sich an dem geschmiedeten Balkongitter emporrankte, ihn der Strahl ihres tiefen Auges treffen würde. Baruch Spinoza erbebte vor innerer Freude, — da saß sie und blickte ihm träumerisch in's Auge. Allein war sie daheim, den Gespielinnen entlaufen die draußen auf dem freien Plan zum Tone der Fiedel ihre Reigen tanzten, — den ersten linden Frühlingstag leiernd. Sie sollte am Arme ihres Bräutigams, des Gesellen Jean Kwlrot, die Kirche besuchen, dann hinauseilen zum Tanz. Aber mit Wiederwillen hat sie diesem, trotz des strengen Gesichtes ihres Vaters, den Rücken gekehrt; sie mochte nicht den Hünen Jean, in dessen verwettertem Gesichte in harten Zügesi die Rauheit seines Wesens geschrieben stand; sie kannte wohl sein kindliches Her^ — — aber doch, doch ... in ihrem Herzen lebte ein anderer — der unscheinbare blasse Denker mit der hohen, edlen Stirne, dem warmen Auge, der milde Ausgestvßene der Brillenschleifer Baruch Spinoza. Stundenlang saß sie bereits am Fenster .zu ihm niederbtickend selig in Träumen. „Judendirne" kreischt es plötzlich in ihren Ohren, doch nein . . . es war nur Einbildung . . . aber sie mußte an den strengen trotzigen Vater denken, an den Schwerterschmied; . . . höher schlug das Herz hinter dem btauseidenen Mieder und sie lehnte die glühende Stirne an die feuchtkühle Fensterscheibe . . . Da trat Spinoza vor seine Türe; — in einem langen, langen Blicke begrüßten sie sich. „Rieke," rief lispelnd der Unglückliche, „so komme doch zu Deinem armen Träumer, der Deiner hart. Laß mich doch in Deinen Armen Vergessen finden; auf meinem Haupte brennt mir angetanene Schmach, in meinem Herzen glüht unendliches Verlangen; — beglücke Deinen armen Träumer, Rieke ... ist nicht meine Liebe Gott selbst, wie Du den Gott in Dir trägst, wie ich ihn in mir trage .... Bist Dumir gut, Rieke!?" „Ich bin Dir gut, Baruch Spinoza," murmelten ihre Lippen,^willenlos, - wie sie selbst willenlos, beherrscht von der ersten Liebe, die in der Seele der Jungfrau flammte. Verstohlen, tief eingehüllt, kam sie herab; ruhig ließ sie es geschehen, daß er sie auf den Mund küßte; es . durchrieselte sie bei diesem Kusse ein inneres Feuer das Beide verzehrte, im . Blute wallte, im Hirne kochte .... Er geleitete sie in die Laube, wo durch das dichte Blätterdach sich mühsam der Mondstrahl schlich. Wie jubelte da sein Herz, als er sie zum ersten Male umfangen konnte; seine Nerven bebten; in trunkener Freude riß er sie an sich, den Arm um ihren zarten Nacken, dessen runde Linie hinter dem blonden Haare hervorschimmerte. Liebevoll schmiegte sie sich an ihn, daß er in sich aufsaugen konnte den Duft ihres seidenweichen Haares; ihre zarten Finger wühlten in seinem krausen Kopfhaare; er fühlte ihr Herz neben dem seinigen pochen.