Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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sonst int Hause war, konnte es nur der Fremde gewesen sein. „Gesteh', du bist Aben Esra," redete er ihn an. Dieser gab sich zu erkennen und die Freude war groß. Außer seinen theologischen und religionsphilosophischen Werken verfaßte Aben Esra noch mehrere Schriften grammatikalischen, astrologischen und sonstigen profanen Inhalts. Auch ein Gedicht in hebräischer Sprache über das Schachspiel wird ihnt zugeschrieben, das wir demnächst in einer Übersetzung von Dr. Chotzner folgen lassen werden. Sein bestes Werk ist der Pentateuch-Kommentar. „Hier," sagt Geiger, „tritt er mit einer Kühnheit auf, wie sie kaum vor ihm gehört wurde und lange hernach ganz und gar verstummt ist, aber auch wiederum mit jener neckenden Vorsicht, die den kecken Ausspruch verdeckt oder sich den Anschein gibt, als wolle er ihn zurücknehmen." Mit der Formel „Hier ist ein Geheimnis!" und ähnlichen enthüllt er die Ungereimtheit der mosaischen Autorschaft dieser uitb jener Stelle, saldiert sich aber zugleich gegen die Ketzerriecherei. Er lüftet den Schleier und läßt ihtt wieder fallen. Manchmal sogar polemisiert der Schalk mit gutgespielter Gläubigkeit gegen die oben erwähnten Leugner des mosaischen Ursprungs. Er hat damit auch wirklich die Zionswächter der Orthodoxie entwaffnet. Die wichtigste Stelle dieser Art findet sich im Komntentar zum Anfang des 5. Buches Mose, wo es im Text heißt: „Das sind die Worte, die Moses geschrieben jenseits des Jordans." Nach den drei letzten Worten befand sich der Berfasier offenbar diesseits des Jordans. Da nun aber Moses den Jordan nicht überschritten hat, kann das Buch nicht von ihm herrühren. Hierzu stellt nun Aben Esra's Kommentar noch eine Reihe weiterer Stellen solcher Art zusammen unter der Formel: „Sobald du das Geheimnis . . . (dieser Stellen) verstehst, wirst du die Wahrheit erkennen." Wie ein Saatkorn im Winter unter der Schneedecke, lagen die Worte unbeachtet während der ganzen Dauer des Mittelalters, bis die Neuzeit ihre Triebkraft weckte. Der Väter der neueren Philosophie, der auch der Vater der Bibelkritik geworden, B. Spinoza, nahm sie zum Ausgangspunkt seines bibelkritischen Vorstoßes im 8. Kapitel seines epochemachenden Buches, das in der Forderung absoluter Rede- und Preßfreiheit gipfelt: „Theologisch-politischer Traktat". Um mit den Vorurteilen der Theologen, nicht blos mit vereinzelten, sondern mit dem allgemeinen aufzuräumen, führt Spinoza einleitend aus, wolle er sich mit den Grundlagen zum Verständnis der Bibel befassen. „Übrigens fürchte ich, mit diesem Versuch sehr zu spät zu kommen. Denn bereits ist es schon so weit gekommen, daß die Leute von keiner Berichtigung hören wollen, sondern was sie einmal unter dem Schein der Religion angenommen haben, hartnäckig verteidigen, und daß der Vernunft nirgends ein Plätzchen eingeräumt wird, außer von verhältnißmäßig sehr Wenigen. In solchem Umfang haben sich diese Vorurteile der Geister bemächtigt." Man sieht, wie festgewurzelt der in Rede stehende Glaube nach in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war. Spinoza fährt fort: „Trotzdem will ich mir die Mühe nicht verdrießen lassen und nicht Nachlassen, einen Versuch zu machen, da dennoch kein Grund vorhanden ist, an der Sache zu verzweifeln." Er wolle also init den Vorurteilen über die wirklichen Verfasser der biblischen Schriften beginnen, in erster Littie des Pentateuch, wofür man den Moses hält. „Die Pharisäer behaupteten das so hartnäckig, daß sie Jeden für einen Ketzer erklärten, der dieser Meinung nicht unbedingt beipflichtete. Aben Esra, ein Mann von freierem Geiste und bedeutender