Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-02-01 · Heft 2 (1.2.1905) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 2 (1.2.1905)
Date
1905-02-01
Page
Seite 38 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2970014-2970017--7525-2978209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

38 Könige von Jdumäa aufführt, „bevor ein König in Israel regierte" «Kap. 36, 31 — 43), sagt, sie könne nicht von Moses geschrieben, sondern müsse viele Jahrhunderte später emgefngt worden sein, als Israel bereit^ Könige harre. Zu diesen Beiden gesellt sich nun als dritter freisinniger Bibelkritiker einer der fruchtbarsten Autoren des nach-talmndiichen Rabbinismns, der es unstreitig nur seiner, man kann sagen ehrlichen Diplomatie verdankte, daß er nicht als Häretiker gebrandtmarkt und verfolgt wurde, vielmehr bei seihen Zeitgenossen und dnrch's ganze Mittelalter bis auf die Neuzeit'in hohem Ansehen stand und zu den Sternen erster Größe gezählt ward: Aben Esra, mit seinem Vollnamen Rabbi Abraham ben Me'l'r ben Esra (ben Sohn ). Gr war. gleichfalls in Toledo geboren, 1093, und starb in Rom .1167. Große Begabung, Fleiß und tüchtige Lehrer führten ihn frühzeitig zu einer hohen Stufe vielseitiger Bildung, wie sie selten von Rabbinern erreicht wurde. Er war mit der arabisch-aristotelischen Philosophie vertrant, in der Medizin, '"Naturkunde, Astronomie, Dichtkunst bewandert, beherrschte neben dem Spanischen die hebräische, chaldäische und arabische Sprache und hatte auch die Mathematik gründlich studiert. Doch war er ein kühner Denker, ein scharfsinnig kritischer Kopf, dessen ans den Kern dringender Geist sich vor keinen traditionellen Meinungen und Autoritäten beugte, und ein origineller Schriftsteller, dessen Schriften sich durch konzisen Stil, sowie durch Witz, Ironie und Satire auszeichnen, ein bis dahin in der dem Himmel zngekehrten rabbinischen Literatur so ziemlich neues Element. Man hat ihn nicht nnzntrefsend mit Lessing verglichen, und diesen: glich er auch darin, daß er sein Leben lang arm blieb und auf keinen grünen Zweig kam, worüber er selber in einem Epigramm scherzte: „Wenn ich mit Leichentüchern Geschäfte machte, würde kein Mensch sterben und wenn ich > mit Kerzen Handel treiben würde, ginge die Sowie nie unter, so tätige ich lebe." «In Süddewschland gibt es eine ähnliche Redensart: „Wenn ich.Mützenmacher würde, kämen die Menschen ohne Köpfe auf die Welt.") Vermutlich infolge seiner Mittellosigkeit führte er ein nnstätes Wanderleben, was seinen geistigen Horizont bedeutend erweiterte. Er kam nach England, Afrika, Ägypten, Palästina, Babplon, Arabien, soll sogar als Gefangener ltach Indien geschleppt worden sein, und fand erst in Rom Ruhe und auch die teure-Ruhestätte. Eine schöne Sage läßt ihn ans folgende Art der Eidam des auch von Heine im „Romanzero" hochgefeierten kastilianifchen Dichters der „Zioniden", Inda Halevi, werden. Als dieser sich zur '"Abreise nach Palästina rüstete, um das Ideal seiner Lieder mit leiblichen Augen zu schatten, lag ihm seine Iran beständig in den Ohren, zuvor die Tochter zu vermählen. Im Unmut schnurr er eines Tages, sie dem ersten Besten, der sein Hans betreten würde, zur Iran zu geben. Kurz daraus stellte sich ein. ärmlich gekleideter Fremder von unscheinbarem Wesen ein. Merkend, daß sein Erscheinen die Hausfrau in Verlegenheit seine, hielt er es für geraten, seinen Raulen zu verschweigen. Seinern Schwur getreu, bot ihm der Dichter (Gastfreundschaft und fand zu seiner Befriedigung, daß der Fremde nicht ohne Memttniffe wäre. Eines Abends entfernte sich der Dichter verdrießlich ans dem Hanse, er hatte sich vergebens um einen passenden Schluß eines seiner feurigsten Gesänge abgemüht. Wie erstaunte er aber, als er bei seiner Rückkehr das Gedicht ganz in seinem Geiste prächtig vollendet vorfand. Ta Niemand

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.