Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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37 der auch nur einen einzigen Buchstaben als Menschenwerk resp. als spätere Zutat erklärt. Sogar die kalligraphischen Schnörkel und Striche des Urtextes wurden für sakrosankt gehalten, aus denen rabhmischer Scharfsinn eine Menge von Lehren nnd Satzungen sophistisch abzuleiten wußteH^ Um so merkwürdiger ist es, daß im 10. und 11. Jahrhundert in jüdischen Kreisen die Kritik sich vereinzelt hervorwagte, teils in kecker Offenheit, teils in vorsichtiger Verschleierung, und noch merkwürdiger, daß sie bald hernach wieder auf Jahrhunderte verstummte. Letzteres erklärt sich indessen daraus, daß die wachsende Geistesverfinsterung der christlichen Völker auch bei den Juden die Vernunft mehr und mehr verdüsterte, wie denn diese stets und überall die Färbung ihrer christlichen Umgebung annahmen, gemäß dem Sprichwort: „Wie es christelt, so jüdett sich's." Im Talmud selbst sind unter den obskuren Anschauungen nicht wenig sehr Helle, freisinnige Aussprüche verstreut, die aber bei dem mehr und mehr überhandnehmenden Obskurantisnrus keine Beachtung fanden. So z. B. stellte ein Rabbi Jose schlankweg in Abrede, daß Moses oder Elias jemals in den Himmel gestiegen seien, eine Ketzerei, die später ihrem Bekenner die schlimmsten Verfolgungen zugezogeu hätte. Gegen den Messiasglauben erklären einige Autoren, die messiauischen Weisagungen bedeuten nichts anderes als die Emanzipation der Juden von dem auf ihnen lastenden Druck. Ein Weiser, sagte Amemar, steht über einem Propheten. Bei der Erzählung eines angeblichen Wunders äußerte Jemand: „Wie bedeutend muß der Mensch sein, um dessentwillen der natürliche Gang der Schöpfung verändert wurde!" „Im Gegenteil," fiel ihm ein Rabbi ins Wort, „wie gering muß er sein, daß um seinetwillen die Naturgesetze geändert werden." Mit dem Wort: „Wer fastet, ist ein Sünder," bricht ein anderer den Stab über alle Askese. Dergleichen ließe sich noch allerlei anreihen. Zurück zum Thema. Als erster Bibelkritiker wird der Jude Chiwi Albachi aus der Stadt Balch im ehemaligen Bactrien genannt (10. Jahrhundert). In einem Buch dessen Titel unbekannt und dessen Inhalt wir nur aus der Polemik gegen ihn kennen, läßt er zweihundert Einwürfe gegen die Bibel resp. gegen die gläubige Auffassung aufmarschieren. Er bestreitet, daß Gott sich jemals dem Geschlecht der Menschen offenbart habe. Er zeigt die in der Bibel vorkommenden Widersprüche auf, um daraus ihre Ungültigkeit zu folgern. Wie die rationalistische Schule im vorigen Jahrhundert, erklärte er die Wunder als natürlich^ Begebenheiten: zum Beispiel den Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer und den Untergang der Egypter in demselben mit Ebbe und Flut; das Manna sei ein süßer Pflanzenkörper gewesen. Wie könne Gott Gefallen finden an Opfern, fragt er, da er doch keine Speisen genießt, desgleichen an Lampen im Tempel, an Weihrauch u. s. f. Aus den zeitgenössigen giftspeienden Gegenschriften, worin der Name des Erzketzers mit einem Wortspiel in „Hund" verdreht wird, ist zu ersehen, daß seine Ansichten viel Anklang fanden und sogar in Schulen gelehrt wurden. Als zweiter Bibelkritiker ist zu nennen Jsak ben Jasus, aus Toledo stammend, geb. 982, gest. 1057, mit dem Schriftstellernamen Jizchaki, Arzt von Beruf. Er verfaßte eine hebräische Grammatik unter dem Titel „Sepher Hazeruphim" (Buch der Zusammensetzungen) und ein anderes Werk, „Sepher (Buch) Jizchaki". Wir wissen daraus nur noch, daß er von der Stelle in der Genesis (1. Buch Mose), welche die